Kommentar: Stinke- versus Zeigefinger

Aufmerksamkeit ist den Griechen gewiss - seit Monaten. Doch trotz des allgemeinen Interesses herrscht ebenso allgemeine Unwissenheit über den Stand der Griechen-Krise.  Von Frank Pröse

Schlimmer noch: Nicht einmal die mit der Rettung des Euro beauftragten handelnden Personen scheinen immer auf dem aktuellen Stand zu sein. Ob Athen überhaupt und wenn ja welche Reformen auf den Weg gebracht hat, das wissen noch nicht einmal die Unterhändler der Gläubiger. Derweil fordert die Kanzlerin einen Kraftakt zur Rettung der aktuellen Euro-Zone, gerade so, als ob es derlei Anstrengungen noch nicht gegeben hätte. War das Schnüren der Finanzpakete etwa keine Kraftakte? Während an den Stammtischen die Rollen von Helden und Schurken fest vergeben bleiben, ist die allgemeine Lage recht unübersichtlich. So richtig weiß keiner, worüber er in den vielen Krisenrunden verhandeln soll.

In solchen Zeiten blüht die Phantasie, werden ohne inhaltlichen Zusammenhang zur aktuellen Situation Videoschnipsel aus grauer Vorzeit zur Anreicherung einer Debatte ausgekramt, weil´s so gut zur Dramaturgie einer Talkshow passen könnte. In der Folge tun alle überrascht, weil die Nation sich fast eine Woche lang mit zwei Fingern beschäftigt: Zunächst um den medial gut vermarkteten Stinkefinger des griechischen Finanzministers, aber auch über den immer wieder erhobenen Zeigefinger von deutschen Regierungsvertretern. Ein einzeln gegen die Deutschen gereckter Mittelfinger echauffiert die Nation, die gegenüber den undankbaren Griechen doch so hilfsbereit ist. Der Bösewicht schreit „Fälschung!“ und wird so lange der Lüge geziehen, bis einer im Fernsehen behauptet, die obszöne Geste mit seinem Team nachträglich ins Video montiert zu haben. Kurze Zeit ist die Nation irritiert, schließlich ist sie zuletzt bei der Demonstration anlässlich des Charlie-Hebdo-Attentats mit Bildern getäuscht worden: Die Staats- und Regierungschefs waren nämlich keineswegs, wie die Live-Bilder suggerierten, beim allgemeinen Trauermarsch mitgelaufen, sondern aus Sicherheitsgründen separiert in einer abgesperrten Nebenstraße. Kein Wunder also, dass die Macht des Stinkefinger-Videos mit aufwändiger Recherche auf dessen Wahrheitsgehalt hin untersucht wird. Am Ende ruft das ZDF „Satire“, der fingerfertige Varoufakis steht wieder als Lügner da. Alles ist gut. Und was macht die Krise so?

Quelle: op-online.de

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