Billig bauen reicht nicht

Kommentar zum großen Wohnungsbedarf

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Christoph Zöllner

Noch machen wir uns Gedanken darüber, wie wir kurzfristig allen Flüchtlingen ein festes Dach über dem Kopf bieten können. Dabei richten sich unsere Blicke auf Not- und Gemeinschaftsunterkünfte in Wohncontainern oder ehemaligen Lagerhallen, Druckereien et cetera. Von Christoph Zöllner

Doch auf mittlere Sicht steht uns eine noch viel größere Herausforderung bevor. Flüchtlinge, die dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen, müssen nicht nur in die Gesellschaft, sondern – als eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür – in den Wohnungsmarkt integriert werden. Wir brauchen daher in den nächsten Jahren Hunderttausende Wohnungen, die für Menschen mit geringem Einkommen bezahlbar sind.

Die Bundesregierung, die bislang die offiziellen Flüchtlingszahlen eher konservativ gerechnet hat, geht davon aus, dass insgesamt bis zu 400.000 Wohnungen pro Jahr gebaut werden müssen. Das deckt sich mit den Forderungen des Deutschen Mieterbundes, der aber klarstellt, dass darunter 150.000 Sozialwohnungen sein müssen, um den riesigen Bedarf decken zu können. Das große Problem: Die Flüchtlinge wird es vor allem in die Ballungsgebiete ziehen, wo sie eher Arbeit bekommen als auf dem Land. Doch in den Zentren gibt es schon seit Jahren zu wenig preiswerten Wohnraum, weil die Politik den sozialen Wohnungsbau viel zu lange vernachlässigt hat. Währenddessen ist das Bauen in Deutschland aufgrund von immer mehr Vorschriften wie Energiesparverordnungen und Schallschutznormen immer teurer geworden. Deshalb fordern Experten, nicht nur Anreize für Bauherren zu schaffen, sondern auch überzogene Standards herunterzufahren. Doch Vorsicht: Nach der Wiedervereinigung hat es Deutschland einmal geschafft, sogar 600.000 Wohnungen im Jahr zu errichten, allerdings waren viele dieser Bauten am Bedarf vorbei konzipiert und stehen heute leer.

Es klingt nach der berühmten Quadratur des Kreises: Auf der einen Seite brauchen wir so rasch wie möglich preiswerten Wohnraum, auf der anderen Seite dürfen diese Immobilien die Integration ihrer Bewohner nicht behindern. Denn wer Wohnungen für Flüchtlinge nur an den Rand oder außerhalb unserer Städte baut, wo Baulandpreise günstiger sind, riskiert Ghetto-Bildung und Parallelgesellschaften. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte lehrt uns, dass auf Dauer nur eine ordentliche Durchmischung der Bevölkerungsgruppen soziale Verwerfungen verhindert. Und so wird Bauen in Deutschland zur Herkulesaufgabe, die nicht nur enorme Investitionen, sondern auch langfristiges Denken voraussetzt.

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Quelle: op-online.de

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