Eifrig poliert

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Frank Pröse

Altkanzler Helmut Kohl hat ein weiteres Kapitel „Gechichte“ geschrieben. Nicht weil er demnächst noch zu Lebzeiten mit seinem Porträt eine Briefmarke ziert. Von Frank Pröse

Vielmehr, weil eine wegen der Parteispendenaffäre zehn Jahre auf Distanz gegangene Partei sich gestern wieder hinter ihrem langjährigen Vorsitzenden versammelte. Da besuchte unbestritten ein Großer der deutschen Politik jene Fraktion, mit der er einst Historisches gestemmt hat, die er aber auch mit Schimpf und Schande belegt verlassen musste.

Jetzt, im 30. Jubiläumsjahr der Regierungsübernahme am 1. Oktober 1982, sieht die Union offensichtlich einen Anlass, den Ideengeber der nie vollzogenen, weil programmatisch dürftigen „geistig-moralischen Wende“, den „Architekten der deutschen Einheit“ und glücklosen Geburtshelfer des Euro aus Respekt vor seiner Lebensleistung wieder in der Fraktion aufzunehmen.

Wahrnehmungsmuster schwankte drastisch

Es gibt wohl kaum einen anderen Politiker, dessen Wahrnehmungsmuster so drastisch schwankte, wie das des Helmut Kohl. Der Oggersheimer schaffte es zur weltpolitischen Schlüsselfigur, um danach umso tiefer zu stürzen. Der eiskalte Schnitt zu diesem Mann wurde von „seinem Mädchen“ vollzogen, Angela Merkel.

Seit geraumer Zeit aber wird wieder das Bild der historischen Leistung jenes Mannes aus dem Archiv hervorgeholt und eifrig poliert. Gezeichnet wird es von Memoiren, Biografien und Zeitzeugen. Von letzteren sind oftmals keine wohlwollenden Erinnerungen zu erwarten. Zu viele hat Helmut Kohl verletzt, ob dienstbare Geister aus dem direkten Umfeld oder Alpha-Tiere aus seinem Netzwerk wie Kurt Biedenkopf, Heiner Geißler, Norbert Blüm, Richard von Weizsäcker, Rita Süssmuth, Lothar Späth, Wolfgang Schäuble...

Kohl kann Merkel nützen

Sie alle haben ein anderes Geschichtsbild von Helmut Kohl, als es die Partei seiner Widersacherin wahrhaben will. Was schert Angela Merkel das Vermächtnis dieses alten Mannes? Sie hat erkannt, dass es ihr nützen kann, in Zeiten der Euro-Krise auf den „Ehrenbürger Europas“ zuzugehen. Der Ober-Europäer könnte zum Zugpferd im Wahlkampf werden, auch weil er als einer von wenigen die konservative Wählerschaft wieder einfangen kann.

frank.proese@op-online.de

Quelle: op-online.de

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