Kirchen wollen mehr Gerechtigkeit

Kommentar: Wo bleibt das gute Beispiel?

Demografischer Wandel, Energiewende, Nachhaltigkeit – erstmals seit 17 Jahren positionieren sich die beiden großen Kirchen gemeinsam zu den großen Themen unserer Zeit. Von Frank Pröse

Sie stellen im Internet ein Dokument zur Diskussion, das die Verantwortung von Staat, Wirtschaft und Bürgern für eine gerechte Gesellschaft thematisiert. Nun ist es ja durchaus angebracht, Lebensumstände und Wirtschaften einmal neu zu justieren. Schließlich wird kaum jemand der Feststellung widersprechen, dass das System zu viele Verlierer produziert. Die immer größer werdende Zahl der Armen zählen dazu, die Natur, die Gerechtigkeit. Wenn darüber breite Debatten angestoßen werden, so ist das nur zu begrüßen. Nur hätten sich die Kirchen ihre Thesen zeitgemäßer formulieren sollen. Der wolkig-ethische Duktus verklärt den Weg hin zu den Konsequenzen, wenn „Wirtschaft lebensdienlich“ und Gewinne „nicht das alleinige Ziel“ der Finanzwirtschaft sein sollen oder die Belastungen des demografischen Wandels „gerecht zu verteilen“ seien.

Handfester wird es da schon bei der Kritik an der laxen Steuermoral oder der Rentenpolitik der Großen Koalition. Das sind dann die Punkte, die wegen der aktuellen Entwicklung mit Blick auf das Papier vor 17 Jahren neu aufgegriffen wurden. Die inzwischen immer leidenschaftlicher geführte Debatte über die Kirchen als ökonomischen Akteure hätte allerdings schon berücksichtigt werden müssen. Der hehren Worte sind genug gewechselt, die Kirchen müssen endlich den Spagat zwischen Ökonomie und Theologie, zwischen wirtschaftlichen Zwängen und christlicher Lehre, realiter bewältigen. Dem Umsatz nach spielen die Kirchen in etwa in einer Liga mit Volkswagen, dem Vermögen nach dürften sie mit etwa 500 Milliarden Euro weit enteilt sein. Belastbar sind diese Zahlen nicht, die Kirchen wollen nicht als Wirtschaftsakteure wahrgenommen werden. Ihr ökonomisches Gewicht wird bei Wohlfahrtsverbänden wie Caritas und Diakonie offenbar. Insgesamt arbeiten für beide Verbände fast eine Million Menschen und vereinen eine Kaufkraft von 50 Milliarden Euro.

Nachhaltigkeit und Fair Trade gehören zwar inzwischen zur „Firmenphilosophie“. Doch auch Lohndumping, Leiharbeit und Outsourcing finden unter dem Dach der Kirche statt; Folge des wirtschaftlichen Drucks, dem auch diese Unternehmungen ausgesetzt sind. Merke: Auch kirchliche Arbeitgeber sind einfallsreich, wenn es um Lohndrückerei und Profit geht. Ihnen hilft dabei ein Sonderarbeitsrecht, das so gar nicht in den Wertekanon passt, der just zur Diskussion gestellt wird. Der Umgang der Kirchen mit ihren Beschäftigten ist in der Regel nicht zeitgemäß und schon gar nicht standesgemäß. Die Kirchen sollten also erst einmal mit gutem Beispiel vorangehen. Dann dürfen sie auch den Mund zum Pfeifen spitzen.

Quelle: op-online.de

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