Kommentar: Verkrustete Strukturen

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Peter Schulte-Holtey

Der Streit um die Ladenöffnungszeitenscheint in diesem Land wohl nie zu Ende zu gehen. Zwar hat sich die Politik auch in Hessen in den vergangenen Jahren deutlich bewegt. Aber die Bedenkenträger, vor allem Gewerkschaften und Sozialverbände, lassen nicht locker. Von Peter Schulte-Holtey

In der Debatte muss aber unterschieden werden: Geht es um Konsumverhalten oder um Sozialstandards für die betroffenen Beschäftigten?

Grundsätzlich sollte es der Staat vermeiden, mit bürokratischen Ladenschlusszeiten den Schiedsrichter im Kampf um Kunden und Umsätze zu spielen. Vieles hat der Markt - zum Beispiel in Rhein-Main - inzwischen allein geregelt. Natürlich sollte der Handel aber auch in Hessen nicht vergessen, über neue, gemeinsame Wege nachzudenken, um verstärkt auf die Wünsche der Käufer einzugehen. Sicherlich werden Verbraucher eine leichte Begrenzung der Öffnungszeiten nicht als Einengung verstehen. Dies gilt um so mehr, wenn man bedenkt, dass viele Kunden - gerade in kleineren Kommunen - die „neue Unübersichtlichkeit“ als besonders ärgerlich ansehen. Tatsächlich sind die uneinheitlichen Öffnungszeiten längst die größte Baustelle für Gewerbevereine und Händler; besser abgestimmtes Verhalten wäre ein Riesenschritt bei den Anstrengungen für mehr Kundenfreundlichkeit.

Beim Thema Ladenschluss geht es aber stets auch um die soziale Frage. Vielen Mitarbeitern in Supermärkten und Einkaufszentren dürfte das „Shoppen bis Mitternacht“ keinen Vorteil gebracht haben. Vollzeitstellen wurden oftmals zugunsten von Minijobs geopfert. Und die niedrigen Gehälter im Handel gefährden insbesondere die Alterssicherung von Millionen Frauen auf Teilzeit-Arbeitsplätzen.

Reparaturen der Politik könnten helfen, den Missbrauch zu vermeiden und das Lohngefüge gerechter zu gestalten. Wer die Liberalisierung beim Ladenschluss verteidigt, der sollte also auch den Kampf gegen verkrustete, unsoziale Strukturen im Handel verstärken. Flexibilisierung darf nicht zu Lasten der Verkäuferinnen und Verkäufer gehen.

Quelle: op-online.de

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