Kommentar

Ein letzter Weckruf

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Der Kanzlerkandidat stolpert in Fettnäpfchen, die Basis steht nicht wirklich hinter Steinbrück und in Umfragen kann er das Ruder nicht herumreißen: Für die SPD läuft es wahrlich nicht rund im Wahlkampf. Spitzengenossen scheinen die Flinte nun ins Korn zu werfen. Von Marc Kuhn

Franz Müntefering, der einstige Parteichef, macht aus seinem Frust keinen Hehl mehr. Offen attackiert er seine Genossen. „Für Steinbrück gab es keine Kampagne, keine Bühne, keine Mitarbeiter, da gab es nichts“, sagte Müntefering, der nicht mehr für den Bundestag kandidiert. Losgelöst von der Parteiräson schlägt er zu - beispiellos, wie der frühere Arbeitsminister seiner SPD in die Parade fährt.

Statt die Reihen zu schließen, denken die Sozialdemokraten derweil schon über die Zeit nach der Bundestagswahl nach. Bereits ein paar Tage nach dem 22. September wollen sie sich zu einem Konvent treffen - dann werden die Weichen gestellt, wohl auch personell. Ein verheerendes Signal an die Wahlkämpfer, die bis zu dem Sonntag um die Stimmen der Bürger ringen sollen.

Führungspersonal zieht nicht an einem Strang

Die SPD stolpert durch den Wahlkampf - und wirkt nicht gerade regierungsfähig. Das Führungspersonal, neben Steinbrück Parteichef Gabriel und der Fraktionsvorsitzende Steinmeier, ziehen nicht an einem Strang - vielmehr sind ihre persönlichen Differenzen kaum zu übersehen. Und bei den politischen Inhalten scheinen die Genossen aus Sicht der Wähler bisher keine Alternativen zu Schwarz-Gelb zu bieten. Da kann die Kanzlerin es sich einfach machen: Bei komplizierten Fragen legt sie sich nicht fest.

Münteferings schonungslose Analyse fasst die Lage der SPD in nur einem Satz klar zusammen: Steinbrück fehlt der Rückhalt in der Partei. Er ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Genossen einigen konnten. Steinbrück hat nicht das Format eines Helmut Schmidt und nicht die Qualitäten eines Wahlkämpfers wie Gerhard Schröder. Zudem werden viele in der SPD nicht warm mit ihm, weil er für schwierige Entscheidungen aus der großen Koalition steht.

Müntefering ist indes ein schlauer Fuchs: Die herbe Kritik könnte als Weckruf an die Genossen und an die potenzielle sozialdemokratische Gefolgschaft gemeint sein - als letzter Versuch, das Ruder herumzureißen.

Quelle: op-online.de

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