Kommentar zur Neckermann-Insolvenz

Umdenken kam zu spät

Nach Quelle droht auch der zweiten deutschen Versandhaus-Ikone das Aus: Neckermann.de geht in die Insolvenz. Was sich seit Tagen abzeichnete, wurde gestern traurige Gewissheit. Sun Capital schießt kein weiteres Geld mehr zu. Von Achim Lederle

Die Gewerkschaft Verdi ist entsetzt: Sie beklagt, dem Investor einen praktisch fertigen Vertrag über eine Transfergesellschaft und Abfindungen vorgelegt zu haben, die an der Unflexibilität von Sun Capital gescheitert sei.

Nun ist es sicher so, dass der Finanzinvestor im fernen Florida nicht das Herzblut für das Frankfurter Traditionsunternehmen mitbringt, wie dies einst Firmengründer Josef Neckermann tat. Der Niedergang von Neckermann begann jedoch nicht mit dem Einstieg von Sun Capital, sondern bereits 1976, als Josef Neckermann seinen Anteile an dem Versandhausgiganten mit damals 18 000 Beschäftigten an Karstadt verkaufte. Egal ob mit dem Eigentümer Karstadt oder mit Arcandor oder zuletzt mit Sun. Die Geschichte von Neckermann war - abgesehen von der Sparte Neckermann-Reisen, die unter dem Dach von Thomas Cook neu aufblühte - nach dem Abgang des Gründers die eines schleichenden Abstiegs.

Keine Zukunft im Zeitalter von Ebay und Amazon

Das Management machte Fehler, und ähnlich wie bei Quelle wurden Trends verschlafen. Dicke Versandkataloge haben im Zeitalter von Ebay und Amazon keine Zukunft mehr. Handel spielt sich immer mehr im Internet ab. Der Konkurrent Otto hat gezeigt, wie der Umschwung zu schaffen ist. Er hat sein Internetgeschäft erfolgreich ausgebaut. Bei Neckermann.de erfolgte das Umdenken zu spät: Die zuletzt guten Zahlen aus dem Internetgeschäft vermochten Verluste der Katalogsparte nicht mehr auszugleichen. Insofern ist es betriebswirtschaftlich verständlich, wenn der Eigentümer die Notbremse zieht und nicht so wie bisher weiter machen will.

Ob die Insolvenz wirklich die „schlechteste Lösung“ ist, wie Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann gestern sagte, wird sich noch zeigen. Es bleibt durchaus die Hoffnung, dass aus dem Insolvenzverfahren ein schlagkräftiger Onlinehändler hervorgeht und auch der starke Logistikbereich in Frankfurt erhalten bleibt. Den Beschäftigten ist dies jedoch ein schwacher Trost. Es ist wahrscheinlich, dass die Zahl von noch 2 400 Arbeitsplätzen in Deutschland weiter radikal schrumpfen wird.

Was bleibt von Neckermann? Josef Neckermann starb 1992 in Dreieich. Er wäre am 5. Juni 2012 100 Jahre alt geworden. Nur wenige Wochen nach seinem Jubiläumstag wird sein Lebenswerk in der bisherigen Form nicht mehr existieren.

Quelle: op-online.de

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