Kommentar: Vorrohung der Sitten

Befristete Verträge, Niedriglohn, Leiharbeit, Minijobs, kein oder weniger Urlaubs- und/oder Weihnachtsgeld, länger arbeiten für weniger Geld und unbezahlte Überstunden: Toll, wie Politiker und Wirtschaftslenker die Deutschen aus dem Tal der Tränen auf den Berg der Krisengewinnler geführt haben.

Von dort aus dürfen sie auf andere in Europa blicken, die zuhauf gar keine Arbeit haben. Da ist wenig besser als nichts, wohl wahr. Dafür muss man aber nicht die Verrohung der Sitten in Kauf nehmen. „Ich bin seit zehn Jahren Leiharbeiter“, sagte gestern ein Arbeiter. Ist das nicht schrecklich? Was nutzt ihm der Hinweis auf seine geradezu feudale Situation gegenüber Bewohnern der Armenhäuser in Europa oder der Dritten Welt? Leben wir nicht in einer der führenden Industrienationen?

Dass Niedriglöhner wie Leiharbeiter als Aufstocker allzu oft staatlich alimentiert werden müssen und deshalb in der Arbeitsamtsstatistik eigentlich nicht als Vollerwerber gezählt werden dürften, wen stört´s denn. Sage und schreibe eine halbe Milliarde Euro kostet das die Arbeitsagentur jährlich - Tendenz steigend. Denn in einigen Betrieben macht die Leiharbeiterzahl schon bis zu 40 Prozent der Belegschaft aus. Das dient längst nicht mehr dem Abfedern von Produktionsspitze, sondern ist eine langfristige Personalstrategie.

Was interessiert heute, dass die Heerscharen der Geringverdiener ihren Kindern und Kindeskindern im Alter schwer auf der Tasche liegen werden, weil die Rente hinten und vorne nicht reicht? Heute wird gearbeitet, heute interessiert die möglichst preiswerte Kostenstelle Mensch. Was morgen ist: Der Staat wird´s schon richten.

Komme keiner mit dem Argument, Niedriglohn, Leiharbeit und Minijobs seien Einstiegshilfen in reguläre Beschäftigung. Die Nummer funktioniert nach neuesten Zahlen ja noch nicht mal am Bau. Glückwunsch aber denjenigen, die es auf diesem Weg geschafft haben. Sie bilden die große Ausnahme der Regel, nach der es aus den sozialen Niederungen selten ein Entrinnen gibt. Übrigens: Selbst Fach- und Hochschulabsolventen sind überraschend oft nicht vorm Niedriglohnschicksal gefeit.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“, tönen Union und FDP. Im Moment ist Arbeit für zu viele Menschen eher unsozial. Dafür tragen auch SPD und Grüne Verantwortung.

Quelle: op-online.de

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