Wenn Opfer demonstrieren

Kommentar: Pegida in Dresden

Es ist schon gespenstisch: Deutschland schaut gebannt nach Dresden. Warum? Dort demonstriert Pegida. Gegen wen? Für was? So genau weiß das niemand, denn dem Dialog wird sich verweigert. Vorsorglich! Von Frank Pröse

Denn die „Systemmedien“ und die „Lügenpresse“ drehen ja immer das Wort im Mund herum. Also werden Weihnachtslieder gesungen. Das passt besser in die Zeit und zu der Ansammlung dieser Opfer demokratischer Umstände. Lasst sie laufen, bis sie bereit sind zu sagen, was sie kritisieren und welche Änderungen sie wollen. Das ist das Mindeste, was man verlangen kann. Bisher jedenfalls wird Meinung von Pegida nicht argumentativ gemacht, aber jeder Andersdenkende als Lügner angeprangert. Fakten? Will keiner hören! Die Statistiken? Sind ohnehin gefälscht!

Weil auch die Politiker nicht ansatzweise wissen, um was es geht, fordern sie in der Hoffnung auf eine vernunftgesteuerte Debatte zum Dialog auf ausgerechnet mit jenen, die den Dialog verweigern und ihren Protest sehr oberflächlich mit der Gefährdung des Abendlandes durch Islamisierung begründen. Was spielt es schon für eine Rolle, dass Religion mit diesem Begriff nur peripher etwas zu tun hat. Die christlich-jüdische Kultur des Abendlandes ist als Kampfbegriff unbrauchbar angesichts der Gräuel, die in dessen Namen (Kreuzzüge) und auf dessen Boden (Juden-Pogrom) stattgefunden haben. Und was ist mit Nächstenliebe und Schutz von Fremden, mit Werten also, auf denen diese Kultur gründet? Wer Weihnachtslieder intoniert, sollte auf diese Frage eine christliche Antwort haben.

Die Furcht vor Fremden speist sich vorwiegend aus der Angst vor sozialem Abstieg, vor Armut im Alter, vor Arbeitsplatzverlust. Deshalb aber muss das Wertegerüst stehen. Oder: Menschen, die sich der eigenen Werte am wenigsten sicher sind, haben die größten Ängste. Dieses Land hat Probleme bei der Vermittlung ethischer Prinzipien. Da gilt es anzusetzen, nicht mit dem Singen muslimischer Lieder im Weihnachtsgottesdienst, wie es angeblich Politiker angeregt haben sollen. Und der „Aufstand der Anständigen“, den Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder mit Blick auf das Jahr 2000 fordert, ist ebenfalls gänzlich ungeeignet für die Auseinandersetzung mit Pegida und deren Sympathisanten.

15.000 Anhänger bei „Pegida“-Demo in Dresden

15.000 Anhänger bei "Pegida"-Demo in Dresden

Das sind dann nach Schröder wohl die Unanständigen, obwohl sie doch nur ihr verbrieftes Recht auf Demonstrationsfreiheit in Anspruch nehmen. Außerdem: 20 000 Demonstranten lassen sich nicht alle in ein und denselben Topf werfen. Und bei dem Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge vor 14 Jahren waren Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus von anderem Kaliber als die heute allgemein geäußerte Furcht vor der Islamisierung. Diese Angst darf man äußern. Aber: Die Masse der Demonstranten sollte inzwischen registriert haben, von welchen politischen Geschäftemachern sie sich instrumentalisieren lässt. Jetzt sollte sie sich einer offenen Debatte nicht länger verschließen.

Quelle: op-online.de

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