Kommentar: Präsidiale Luftnummer

Es sind schon große Fußstapfen, in die Christian Wulff treten musste. Nicht wenige deutsche Bundespräsidenten haben dem hohen Amt mit ihrem Charakter und außerordentlichen Fähigkeiten einen Stempel verpasst. Von Marc Kuhn

Zuletzt las Wulffs Vorgänger Horst Köhler der Politik mehrfach die Leviten und stellte sich bei umstrittenen Gesetzen schlicht quer. Bisher blieb der Niedersachse dagegen recht blass. Daran wollte er offenbar etwas ändern und wählte als Podium für seinen Profilierungsversuch eine Konferenz der Wirtschafts-Nobelpreisträger.

Der Schuss ist jedoch nach hinten losgegangen. Die Kritik von Wulff an Politikern und Währungshütern für ihren Kurs in der Schuldenkrise ist eine plumpe Ansammlung von Allgemeinplätzen. Ebenso verhält es sich mit seinen Äußerungen zum Unmut vieler Bürger gegenüber der Finanzwelt. Wortwahl und Inhalt der Rede zeugen von plattem Populismus. Neuigkeiten bieten sich dem Zuhörer kaum. Lösungswege aus der Krise weist das Staatsoberhaupt sowieso nicht.

Schon als niedersächsischer Ministerpräsident brillierte Wulff selten mit ökonomischem Sachverstand. Seine jetzige Schelte dürfte vielleicht manchen Bürgern auf den ersten Blick gefallen. Bei näherem Hinsehen erweist sie sich jedoch als präsidiale Luftnummer. Und bei seinen politischen Steigbügelhaltern in der Union haben die Worte von Wulff sicherlich für reichlich Verärgerung gesorgt. Schließlich wird dort über den Kurs in der Schuldenkrise ohnehin trefflich gestritten. Wulff hat noch zusätzlich Öl ins Feuer gegossen.

Wenn ein Bundespräsident sich in die Politik einmischt, sollten seine Worte wegweisend sein. Wulff kann diesen Anspruch nicht für sich erheben.

Quelle: op-online.de

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