Spionageaffäre

Kommentar: Der Wert der Freundschaft

Spätestens seit Charles de Gaulles berühmtem Ausspruch gehört es zur Allgemeinbildung, dass „Freundschaft“ kein zentraler Faktor zwischenstaatlicher Politik ist.

Sympathien wie zwischen Adenauer und Dulles oder Schmidt und Giscard mögen das Geschäft erleichtern, ändern aber nichts daran, dass Regierungen nationalen Interessen verpflichtet sind. Freundschaftsbekundungen von Staaten untereinander können sogar Ausdruck von blankem Zynismus sein (UdSSR/DDR); selbst im besten Fall tendieren sie aber immer noch dazu, wahre Sachverhalte zu vernebeln. Die wechselseitigen Missverständnisse gestandener Berufspolitiker in der Spionageaffäre wirken deshalb umso schockierender.

Kern der „deutsch-amerikanischen Freundschaft“ ist der Wiederaufbau nach dem Krieg, der allerdings weniger mit Empathie oder Samaritertum zu tun hatte als mit der Eindämmung der aufstrebenden Sowjetunion. Berlin war damals wichtigster Kulminationspunkt internationaler Spionage zwischen Ost und West, um den sich Strukturen bildeten, die bis heute fortdauern. Das Deutschland des Jahres 2014 wiederum ist Mitglied der EU, exportiert Waffen, verfolgt Interessen in Peking und dem Iran und hat kurze Drähte nach Moskau. Kein Wunder, dass das Aufklärungsbedarf in Washington weckt, was wiederum Spione auf den Plan ruft. Und dass Geheimdienste gerne ein Eigenleben entwickeln, ist wirklich keine neue Erkenntnis.

Man könnte sich jetzt über die naiven Deutschen mokieren, die „Freundschaft“ offenbar aus einer romantisierenden Karl-May-Perspektive definieren; umso mehr entsetzt allerdings die un-historische Wurstigkeit der US-Seite. Offenbar ist niemandem in der Riege höchster Entscheidungsträger klar, dass dieses Deutschland trotz gemeinsamer Werte und Interessen nicht mehr der Juniorpartner Washingtons aus dem Kalten Krieg ist, sondern ein vereintes Gemeinwesen mit 80 Millionen Menschen. Deren USA-Bild kaum noch geprägt wird von Marshall-Plan und Care-Paketen, sondern von Vietnam, Irak, Afghanistan oder Guantanamo. Wenn die Obama-Regierung nicht versteht, dass die Spionageaffäre kein isoliertes Geheimdienst-Problem ist, sondern ein Katalysator für Anti-Amerikanismus, wird sie mehr zerstören als die schöne Illusion von der „deutsch-amerikanischen Freundschaft“.

Quelle: op-online.de

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