Hedonismus gegen Angst

Kommentar: Dem Terror den Stinkefinger

Die Lage ist unübersichtlich, aber ernst. Die Gefährdung ist unbestimmt, aber hoch. So ähnlich äußern sich Sicherheitsexperten dieser Tage nach den Anschlägen von Paris. Von Frank Pröse

Trittbrettfahrer des Terrors verstärken unterdessen immer wieder das Angstgefühl in der Bevölkerung, was wiederum allgemein über Jetzt-erst-recht-Appelle zur Verteidigung unserer europäischen Lebensart bekämpft werden soll. Der Besuch eines Cafés, eines Konzerts oder Fußballspiels scheint erste Bürgerpflicht für Franzosen wie Deutsche. Der IS-Terrorfratze gegenüber soll lässig der Stinkefinger gezeigt werden: Wir lassen uns nicht bange machen, der sogenannte „Islamische Staat“ darf nicht triumphieren. Ob das die Durchgeknallten interessiert?.

Der Widerstand nach dem Motto „Wir lassen uns unser Vergnügen nicht nehmen“ gebiert seine Helden in einer Zeit, in der allen längst klar sein müsste, dass Terror zu unseren alltäglichen Risiken gehört. Im Kampf dagegen leben wir an der Front. Diese Erkenntnis wird sich ablesen lassen an mehr Kontrollen, mehr Waffen, mehr Sicherheitskräften, also mehr Einschnitten in unsere Freiheiten, die gerade zu unseren wichtigen Werten gehören. Aber ist es nicht lächerlich, dass wir zu deren Verteidigung mit einem Konzert- oder Adventsmarktbesuch demonstrativ die Fahne hochhalten sollen? So wird doch Lifestyle zum Todesmut verklärt, während ganze Viertel in Paris in Panik verfallen, weil ein Leuchtmittel in der Straßenlaterne implodiert ist.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es soll hier nicht empfohlen werden, der Furcht nachzugeben und der Freude am öffentlichen Leben eine Absage zu erteilen. Vielmehr ist die Demonstration für ein Recht auf Unbeschwertheit und Konsum als Unsinn zu entlarven. Wer zum Fußballspiel oder auf den Adventsmarkt gehen will, der soll das nach Abwägung der jeweiligen Gefährdungslage tun. Die Entscheidung ist eine persönliche und kann nicht von jenen abgenommen werden, die auf diesem Weg einen Sieg der Terroristen verhindern wollen. Wie krank ist eine solche Argumentation? Im Umkehrschluss hieße das: Damit der IS auch nicht symbolisch gewinnen kann, gehen wir erhöhte Sicherheitsrisiken ein. Wer hat dann gewonnen, wenn Bomben explodieren?

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Die Bedrohung des Terrorismus wirkt mitten in unserer Gesellschaft. Die Bekämpfung muss aber anders erfolgen als durch die symbolhafte „Bürgerpflicht zum Ausgehen“, wie es ein FAZ-Kollege ausgedrückt hat. Leider wird stattdessen öfter als allen lieb ist die persönliche Freiheit eingeschränkt werden müssen, um die allgemeine Freiheit und die mit ihr verbundenen Grundsätze wie Toleranz, Religionsfreiheit und Menschenrechte zu sichern. Bei allem Bemühen, bei aller gestiegenen Achtsamkeit wird es Rückschläge geben. Doch selbst mit dieser Art von Verunsicherung lässt sich das Leben leben. Wer symbolhafte Gelassenheit zum Prinzip erheben will, indem er quasi demonstrativ ins Café oder Konzert geht, dem sei dies unbenommen. „Lebbe geht weider“. Dieses Motto hilft vielleicht bei der Suche nach Normalität und Geborgenheit, taugt aber nicht als heldenhafter Widerstand zur Rettung unserer Werte vor Terroristen. Die werden aus anderem Grund nicht gewinnen: weil die offene Gesellschaft stärker sein wird als verblendete Mörder, selbst wenn gewisse Rechte vorübergehend eingeschränkt werden.

frank.proese@op-online.de

Quelle: op-online.de

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