Kommentar: Schockierende Entwicklung

Als ob die Lage in Afghanistan nicht schon deprimierend genug wäre, tobt jetzt auch noch ein entfesselter Mob durch die Straßen, weil irgendwelche Dummköpfe aus den Reihen der US-Armee offenbar Korane wie Müll verbrannt haben.

Man weiß nicht, was einen mehr schockiert: Die unglaubliche Ignoranz dieser Soldaten, die doch bis zum allerletzten Dienstgrad seit vielen Jahren wissen müssten, dass die Schändung des heiligen Buches nicht nur Fundamentalisten als blasphemische Straftat gilt, die mit der Todesstrafe bedroht ist. Oder die Eruption von Wut und Hass aus der Mitte jener Bevölkerung, zu deren Befreiung von der grausamen Tyrannei der Taliban die ausländischen Truppen 2001 angetreten waren.

Wenn nicht einmal die geradezu demütigen Entschuldigungen hoher US-Vertreter, sogar des Präsidenten, den Furor der fanatisierten Massen dämpfen können, lässt dies für das Schicksal der Afghanistan-Mission wie des ganzen Landes das Schlimmste ahnen. Dass die Taliban die Steilvorlage nutzen, liegt in ihrer Logik. Wenn aber offenbar größere Teile der afghanischen Bevölkerung sofort bereit sind, sich von grausamen Massenmördern, die Kinder mit Bombengürteln in den Tod schicken, zu blutigen Gewalttaten gegen Ausländer aufhetzen zu lassen, dann stellt sich unüberhörbar die Frage, ob diesem Land überhaupt noch zu helfen ist.

Als das Scheitern der Amerikaner in Vietnam nicht mehr zu leugnen war, tarnten sie ihren fluchtartigen Abzug mit der Strategie der „Vietnamisierung“, was de jure die Übergabe der Verantwortung an die Vietnamesen meinte, de facto nichts anderes war als die Auslieferung des Südens an den kommunistischen Norden. Was sollte die bis 2014 geplante Übertragung der militärischen Macht auf den schwachen und korrupten Präsidenten Karsai anderes bedeuten als die Übergabe des Landes an die Taliban? Im Unterschied zu den armen Südvietnamesen scheinen viele Afghanen dies allerdings nicht einmal zu bedauern. Das ist die ernüchternde Lehre aus den Koran-Unruhen.

Quelle: op-online.de

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