"Lügenpresse"

Kommentar: Unwort zur rechten Zeit

Ja, Journalisten bestimmen das Unwort des Jahres mit. Und ja, insofern kann auch Betroffenheit bei der Auswahl von „Lügenpresse“ eine Rolle gespielt haben. Das spricht aber nicht generell gegen die Kür eines auch von den Nazis genutzten Kampfbegriffs. Von Frank Pröse

Auch wegen dieser ideologischen Vorbelastung verbietet sich der Rückgriff auf völkisch-nationalistisches Vokabular. Kritik an den Medien lässt sich ohne Hinweis auf brandgefährliches Gedankengut äußern. So lässt sich feststellen, dass Nachricht und Kommentar oft nicht strikt getrennt werden, dass ein Trend zur Oberflächlichkeit erkennbar ist, weil die Zeit für sorgfältige Recherche fehlt. Das sind aber doch wohl eher lässliche Sünden im Vergleich zur Lüge. Denn die setzt Vorsatz voraus, mit dem ein Vorteil erlangt oder etwas verschleiert werden soll. Was aber sollte eine Redaktion denn für Vorteile haben, außer gegen Bezahlung Konzernen, dem Papst oder Merkel & Co. an der Wahrheit vorbei nach dem Mund zu schreiben?.

Pegida-Demonstranten schimpfen, die gleichgeschaltete „Lügenpresse“ trampele auf dem „gesunden Menschenverstand“ herum. Es gibt gute Gründe, dem dort unter diesem Rubrum zur Schau getragenen Selbstverständnis einer angeblich übermächtigen Mehrheit skeptisch zu begegnen. Wer damit argumentiert, wähnt sich im Besitz der einzig gültigen Wahrheit. Punktum! Die Irrenden sind immer die Anderen!

Übrigens: Das „gesunde Volksempfinden“ hat es 1935 ins Strafgesetzbuch geschafft. Auf dieser Basis hat ein Roland Freisler dann Unrecht gesprochen. In der Presse standen damals nur Lügen. Eingedenk dieser Historie ist der Vorwurf „Lügenpresse“ unerträglich. Natürlich wird ein Wort nicht allein deshalb zum Unwort, weil es von den Nazis missbraucht wurde. Aber so, wie man mit gesundem Menschenverstand daneben liegen kann, ist es ganz bestimmt auch mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“. Ein Unwort zur rechten Zeit.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © op-online.de

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