Unwort des Jahres

Kommentar: Ziel verfehlt

Offenbach - „Sozialtourismus“ ist das Unwort des Jahres. Doch es gibt ganz andere Formulierungen, die an den Sprach-Pranger gehören. Von Angelika Dürbaum

Mit der Aktion „Unwort des Jahres“ sollen das Bewusstsein und die Sensibilität für Sprache gefördert werden. Vorgeschlagen werden können Begriffe, die gegen die Menschenwürde oder gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen. Auch Formulierungen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren, die verschleiernd oder irreführend sind, können genannt werden.

„Sozialtourismus“ ist sicherlich ein populistischer, ein aggressiver, ein zynischer Ausdruck, der Ängste schürt. Insofern ist die Wahl der „Unwort“-Jury berechtigt. Nur - in der Diskussion um die Zuwanderung von Osteuropäern ist dieser Begriff bislang kaum gefallen. Da gab und gibt es ganz andere Formulierungen, die an den Sprach-Pranger gehören.

Soll die alljährliche Wahl einen Sinn haben, dann kann die Jury sich nicht auf Ausdrücke wie „Opfer-Abo“ (2012), „alternativlos“ (2010), „betriebsratsverseucht“ (2009) oder eben „Sozialtourismus“ zurückziehen. Denn diese Begriffe spielen - glücklicherweise - im alltäglichen Sprachgebrauch, sei es auf der Straße oder in den Zeitungsspalten, keine Rolle. So betreibt die Jury allenfalls gepflegte Sprachkritik, aber die gewünschte Auseinandersetzung mit Sprache und ihrer möglicherweise verheerenden Wirkung erreicht sie damit nicht.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare