Kommentar zur Papstwahl: Frischer Wind

Er wird in die Geschichtsbücher eingehen, dieser Papst und das liegt - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt - in erster Linie an seiner überraschenden Wahl. Mit dem Jesuiten Jorge Mario Bergoglio hatten nur sehr wenige Vatikan-Experten gerechnet. Von Peter Schulte-Holtey

Nach dem charismatisch-politischen Papst Johannes Paul II. und dem theologisch-wissenschaftlichen Benedikt XVI. folgt nun der Argentinier, der nicht zu den Top-Favoriten gehörte. Man sollte sich von seinem recht hohen Alter nicht täuschen lassen. Er könnte für kleine Revolution in der katholischen Kirche sorgen. Denn für sie beginnt nun eine Zeit großer Hoffnungen. Vieles deutet darauf hin, dass Franziskus I. als „der bescheidene Papst“ Zeichen setzen könnte. Als „Kardinal der Armen“ nutzte er in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires meist öffentliche Verkehrsmittel und verzichtete auf bischöflichen Prunk; er gilt als volksnah und ökologisch interessiert. Er setzte sich stets für die Armen in Argentinien ein; Bergoglio legte sich mit den Regierungen an und prangerte Korruption an.

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Manche werden Vergleiche ziehen zu Karol Woityla, der in einer Welt, die von Gewalt und Geld regiert wird, Gerechtigkeit für alle einforderte. Doch der neue Papst wird andere Schwerpunkte setzen, seinen Namen wohl zum Programm machen. Franz von Assisi, auch als Franziskus bekannt, trug zu einer spirituellen Erneuerung der christlichen Botschaft im Mittelalter bei. Die Lebensweise des Heiligen aus dem 13. Jahrhundert zog gleichgesinnte Gefährten an, war damals der institutionalisierten Kirche aber ein Dorn im Auge - unter anderem, weil er den Luxus, in dem viele Geistliche lebten, anprangerte. In der Tradition dieses Mannes sieht sich der Argentinier auf dem Heiligen Stuhl. Die Kirche muss sich also auf eine - auch von vielen Gläubigen immer wieder geforderte - Richtungsänderung einstellen müssen.

Papst Franziskus: Sein erster Auftritt nach der Wahl

Papst Franziskus: Sein erster Auftritt nach der Wahl

Natürlich kennt Franziskus I. die schweren Lasten, die jetzt auf seinen Schultern ruhen. Seit Tagen verlängert sich ja das Anforderungsprofil, der Wunschkatalog vieler Katholiken: Klar! Der neue Brückenbauer soll viele gute Eigenschaften mit sich bringen, so fordern es die Gläubigen: Er soll charismatisch, theologisch kraftvoll, pastoral einfühlsam, diplomatisch und kommunikativ sein. Reformen sind überfällig. Die Frauenfrage stagnierte während des Pontifikats von Benedikt, weibliche Priester sind nach wie vor undenkbar. Die Frage nach dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen harrt weiter einer Antwort, die der modernen Gesellschaft entspricht. In der Sexuallehre gibt es keine Bewegung. Der „Neue“ soll zugleich die Kurie reformieren und die Kirche in unruhigen Zeiten für die Zukunft sattelfest machen. Das ist recht viel für einen Mann - und auf einmal.

Mit argentinischer Lebensfreude, mit seiner Bescheidenheit und Überzeugungskraft wird der „Überraschungs-Papst“ ans Werk gehen. Eine Kirche, die sich auf den Gott der Liebe beruft, braucht immer wieder frischen Wind. Franziskus I. könnte dafür sorgen.

Quelle: op-online.de

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