Unwort des Jahres

Kommentar: Viel zu viel der Ehre

Jörg Kachelmann hat die zweifelhafte Ehre, mit „Opfer-Abo“ das Unwort des Jahres 2012 geprägt zu haben. Als Favorit hatte eigentlich „Schlecker-Frauen“ gegolten, eine Diskriminierung in großem Stil.

Diese Formulierung war bereits bei der Kür zum Wort des Jahres auf dem vierten Platz gelandet, da allerdings mit der abenteuerlichen Begründung, den ehemaligen Mitarbeiterinnen der Drogeriekette werde sprachlich ein Denkmal gesetzt. Wenn man sich erneut nur ordentlich verbiegt, lässt sich vielleicht auch Kachelmanns Wortschöpfung noch Positives abgewinnen. Der Schweizer Moderator hatte in einem Interview zu den gegen ihn gerichteten Vergewaltigungsvorwürfen davon gesprochen, dass Frauen in der Gesellschaft ein „Opfer-Abo“ hätten, quasi also verdächtig seien, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täter zu sein. Dieses Pauschalverdacht ist selbstverständlich unzulässig, den in Internetforen geradezu widerlich frauenfeindlich argumentierenden Sympathisanten kachelmann´scher Opfertheorien zum Trotz.

Das war´s dann aber auch schon, zumal der Verdacht nur ein einziges Mal auf diese Art geäußert wurde, den zweifelhaften Titel als Unwort 2012 also nicht verdient. Nicht von ungefähr wurde der Direktor des Instituts der Deutschen Sprache von der Auswahl der Jury überrascht. Dabei hätte es Unwörter gegeben, die von mehr als einem Menschen verwendet wurden und nicht erst umschweifig erklärt werden müssen. „Lebensleistungsrente“ oder „Pleite-Griechen“ wären solche, oder auch „wulffen“. Aber auch die hätten nicht das zukunftsweisende Potenzial von „Wutbürger“, dem Unwort des Jahres 2010. Denn Gründe für öffentliche Wutausbrüche gibt es immer. Beim Unwort 2013 kommt das Blut allerdings kaum in Wallung; kennt ja ohnehin kaum einer. Es wird deshalb in Vergessenheit geraten. Das ist auch angesichts der erschreckend vielen frauenfeindlichen Einträge im Internet eine glückliche Fügung.

Die Unwörter der vergangenen Jahre

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Quelle: op-online.de

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