Wende im Wulff-Prozess

Kommentar: Es geht um die Ehre

Christian Wulff mag als Mensch seine Fehler haben; er hat auch als Politiker und als Bundespräsident taktisch alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Ein Krimineller ist er aber wohl nicht. Von Peter Schulte-Holtey

Das Gericht jedenfalls, vor dem er er sich derzeit in Hannover verantworten muss, sieht bislang keine ausreichenden Belege für eine Vorteilsnahme im Amt. Damit bestätigt sich das, was viele Beobachter zuletzt geäußert haben: Die aufgebauschten Vorwürfe gegen den aus dem Bundespräsidialamt vertriebenen CDU-Mann, die wochenlang vorschnell verbreitet und von der politischen Hetzmeute erhoben wurden, sind bei intensiver juristischer Überprüfung alle in sich zusammengefallen.

Es ist gut, dass das Gericht es relativ schnell erkannt hat und sich nicht länger vor den Karren einer zweifelhaften Kampagne spannen lassen will. Keine der Aussagen im Verfahren hat Wulff bislang belastet, es gibt keinen Hinweis darauf, dass er sich strafbar gemacht hat. Und ausschließlich darum geht es im Gerichtssaal; nicht um moralische Fragen, nicht um Anstand. Dass Wulff in dieser Hinsicht viele Fehler gemacht, musste er ja längst sehr schmerzhaft büßen, mit dem enormen Ansehensverlust und dem vorzeitigen Verzicht aufs höchste Staatsamt.

Was seit gestern besonders nachdenklich stimmt: Wieder einmal fällt in einem deutschen Großprozess ein Schatten auf die Arbeit der Staatsanwälte. Die Ermittler haben offensichtlich überzogen. In ihrem Bemühen, mit einem prominenten Verdächtigen auf keinen Fall milder umzuspringen als mit anderen, sind sie genau in die falsche Richtung galoppiert. Was bleibt jetzt für Wulff? Das ehemalige Staatsoberhaupt wird um den Rest seiner Ehre kämpfen. Das wird hart. Ob der Prozess nun bald zu Ende geht, ist zudem noch offen. Wulffs Anwälte kündigten an, sie wollten weiter für seinen Freispruch kämpfen.

Quelle: op-online.de

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