Zu wenig Zeit für Kinder

Kommentar: Bedenkliche Entwicklung

Zeit ist ein wertvolles und oft auch knappes Gut, viele Bundesbürger können darüber ein mehrstrophiges Lied singen. Von Siegfried J. Michel

Was allerdings jetzt der in Berlin an Bundesfamilienministerin Schröder übergebene Bericht einer unabhängigen Kommission von Wissenschaftlern ergeben hat, sollte mehr als nur nachdenklich stimmen. Die fast schon traurig zu nennenden Ergebnisse der Studie: 63 Prozent der Väter und 37 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern haben zu wenig Zeit für ihren Nachwuchs. Jede zweite alleinerziehende Mutter leidet unter Zeitdruck, bei Berufstätigkeit sind es hier sogar 61 Prozent. Mehr als 40 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern leiden oft oder immer unter Zeitdruck. Und schließlich: 60 Prozent der Paare unter 40 Jahren haben zu wenig Zeit für ihren Partner.

Das ist gar keine gute Entwicklung, nicht für die Kinder, nicht für die Mütter und Väter. Es ist vor allem unserer modernen Industrie- und Konsumgesellschaft geschuldet, dass die Zeit füreinander immer mehr fehlt. In unserer Arbeitswelt hat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel zu lange eine nur untergeordnete Rolle gespielt. Zwar haben glücklicherweise Politiker inzwischen gemerkt, dass dies familien- und gesellschaftspolitisch in die falsche Richtung geht. Es wird - etwas jedenfalls - gegengesteuert. Auch eine ganze Reihe von Firmen hat entdeckt, dass man gute Mitarbeiter bekommt oder halten kann, wenn man familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle anbietet.

Aber wie der Bericht der Kommission zeigt, ist noch viel zu wenig geschehen. Recht haben deshalb die Experten, wenn sie von der Politik stärkere Anstrengungen verlangen, um den Zeitbedürfnissen von Familien gerecht zu werden. Gefordert sind aber auch die Arbeitgeber, mehr und noch flexiblere Angebote - auch für Teilzeitarbeit - anzubieten.

Vollmundig hat Ministerin Schröder angekündigt, der vorgelegte Bericht markiere „den Einstieg in eine Zeitpolitik für Familien“. Zu befürchten ist aber, dass die CDU-Politikerin dieses Thema ähnlich halbherzig anpackt, wie es bei dem von ihr auf den Weg gebrachten und jüngst im Bundestag verabschiedeten Gesetz zur Familienpflegezeit geschehen ist. Denn Berufstätige haben danach gegenüber ihrem Arbeitgeber keinen Rechtsanspruch darauf, dass dieser es ihnen ermöglicht, zur Pflege naher Angehöriger ihre Arbeitszeit für zwei Jahre ohne allzu hohe Gehaltseinbußen zu verringern.

In nächster Zeit wird sich also zeigen, ob die Ministerin, wie sie versprochen hat, die Zeit zur „Leitwährung“ der Familienpolitik macht, um einer bedenklichen Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Quelle: op-online.de

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