Heiliger Wladimir

Kommentar zu Wladimir Putin

Wladimir Putins Reden zur Lage der Nation hatten in der Vergangenheit selten größeres Interesse verdient, dienten sie doch in der Regel nur der Selbstinszenierung eines Mannes, der sich in der Wildnis besser aufgehoben sieht als in einer zivilen Welt, die seinem Macho-Gehabe die kalte Schulter zeigt.

Dieses Mal jedoch muss sich Putin aber mit veritablen Problemen auseinandersetzen, die er sich mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und dem Dauerkonflikt Ukraine freilich selber eingebrockt hat. Von einer „schicksalsträchtigen Ära“ spricht der russische Präsident und trifft damit wenigstens einmal ins Schwarze. Ansonsten das altbekannte Muster: Es werden Fakten verdreht sowie Selbstbestimmungsrechte uminterpretiert und somit das Mütchen russischer Nationalisten gekühlt. Die angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten gespielte Gelassenheit Putins hat wie sein Angriff gegen den Westen ebenfalls innenpolitische Gründe.

Blieben also noch die Botschaften für die Weltöffentlichkeit, die diese langsam am Verstand des Kremlchefs zweifeln lassen müssten. Danach ist der Maidan keine Volksbewegung sondern eine bewaffnete Übernahme gewesen, ist die Krim den Russen heiliger als selbst den Krim-Tartaren. Wenn Putin sich in solch schwachsinniges Pathos flüchtet, muss ihm das Wasser bis zum Hals stehen. Eine derart emotionale Ader ist gefährlich, verstellt sie doch unter anderem den Blick auf die feste Verflechtung seines Landes mit der Weltwirtschaft. Putin ist eingebunden in internationale Normen. Respektiert er das nicht, fährt er Russland weiter gegen die Wand. Der Preis, den Russland für seine heilige Krim zu zahlen hätte, würde letztlich gigantisch sein. Das aber, heiliger Wladimir, will der Rest der Welt möglichst vermeiden.

Quelle: op-online.de

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