Niedrige Zinsen erhöhen den Druck

Konzerne schlagen Alarm wegen Altersvorsorge

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Fressen die niedrigen Zinsen die betriebliche Altersvorsorge auf?

Stuttgart - Frisches Geld von den Banken ist für die deutschen Firmen so billig wie nie. Doch die Pensionspläne der Konzerne geraten zunehmend unter Druck, weil die Anlagen seit Jahren immer weniger abwerfen.

Dank niedriger Zinsen sparen Konzerne Milliarden an Euro - doch das billige Geld hat auch seine Schattenseiten. Denn das Dauertief bei den Zinsen bereitet vielen Unternehmen hierzulande große Probleme bei der betrieblichen Altersvorsorge. Die Dax-Konzerne sind zunehmend alarmiert, wie die „Financial Times Deutschland“ (Dienstag) berichtet. „Die Pensionsverpflichtungen sind ein Riesenproblem für viele Unternehmen“, sagte der Finanzchef des Rückversicherers Munich Re, Jörg Schneider, der Zeitung. Und Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser warnt: „Sollte die Niedrigzinsphase länger andauern, kann das zu einer ernsten Herausforderung werden.“

Dem Bericht zufolge haben 17 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland eine betriebliche Altersvorsorge. In den Pensionskassen der Firmen klafften schon seit längerem Milliardenlücken. Durch die niedrigen Zinsen hätten sich diese zuletzt stark ausgeweitet. Die Beispiele lassen sich in den Geschäftsberichten der Dax-Konzerne ablesen, die sie schon zu Jahresanfang geschrieben hatten. Beim Autobauer Daimler etwa heißt es, dass die internationalen Bilanzierungsregeln IFRS das anzulegende Maß für die Pensionsverpflichtungen vorgeben. Und für den vermuteten Erfolg gebe es dabei klare Regeln: „Die erwartete Rendite der Liquidität orientiert sich am Geldmarktzinssatz.“ Die Bewegung der Zinsen hat also direkten Einfluss auf Daimlers Pensionskosten.

Teile der Verpflichtungen sind nicht vollständig gedeckt

Daimler nennt den Faktor auch in seinem Risikobericht. So seien Teile der Pensionsverpflichtungen „nicht vollständig durch Planvermögen gedeckt“. Die Lücke ergebe sich aus den Verpflichtungen abzüglich des Zeitwertes der Planvermögen. Bei Daimler stieg das Minus seit Ende 2007 von knapp zwei und fast 6,5 Milliarden Euro.

Das Gebilde der Vorausberechnung ist fragil. „Selbst geringe Änderungen“, schreibt der Stuttgarter Konzern, „könnten die Verpflichtungen ansteigen lassen“. Daimler nennt bei den möglichen Stellschrauben neben Aktien auch „festverzinsliche Wertpapiere“. Die Schwaben betonen aber, in ihren Pensionsfonds schlummerten „keine wesentlichen Anlagen in Anleihen von Ländern, die gegenwärtig von der europäischen Staatsschuldenkrise besonders betroffen sind“. Doch auch die Schuldscheine von Staaten mit Top-Bewertung - wie Deutschland - verzinsen sich schon lange nicht mehr zum Niveau alter Zeiten.

Und das Tempo des Problems scheint anzuziehen. Laut FTD hätten nach Berechnung der Beratungsfirma Mercer die Gesamtverpflichtungen aller 30 DAX-Konzerne infolge der Niedrigzinsen seit Jahresbeginn um gut 40 Milliarden Euro auf fast 300 Milliarden Euro zugenommen. Die Beratung Towers Watson komme auf einen Zuwachs um 22 Milliarden auf 281 Milliarden Euro. Dem stehe nur ein dafür reserviertes Anlagevermögen von 174 Milliarden Euro gegenüber. Insgesamt deckten die DAX-Konzerne ihre Pensionsverpflichtungen derzeit zu 62 Prozent mit Kapitalanlagen ab, so Towers Watson. Zu Jahresbeginn waren es noch 66 Prozent. Für die Lücke hafteten die Firmen mit ihrer Bilanz.

Betriebe müssen wohl Geld nachschießen

„Wir rechnen damit, dass das Niedrigzinsumfeld mittelfristig anhalten wird“, sagte Towers-Watson-Experte Thomas Jasper. Pensionskassen wie Lebensversicherer tun sich schwer, mit ihren Kapitalanlagen ausreichend Rendite zu erwirtschaften. „So sinken beispielsweise die Zinssätze für unsere konservative Geldanlagepolitik gegen null“, sagte der Finanzvorstand des Chemiekonzerns Lanxess, Bernhard Düttmann.

Die Euro-Krise werde den Druck noch erhöhen, berichtete Boston-Consulting-Partner Alexander Roos. Wegen des Zinsproblems müssten einige vermutlich für die Betriebsrenten nachschießen. Dazu komme das Problem sinkender Gewinne wegen der schwachen Konjunktur.

Trost spendet den Konzernen angesichts dieser Entwicklung aber das günstige Geld, mit dem sie sich derzeit von den Banken refinanzieren. Das Zinsrekordtief und der schwache Aktienkurs sorgten beispielsweise bei Siemens für Ungewöhnliches: Der Konzern will Aktien zurückkaufen und diese kursstützende Aktion über langfristige Schulden finanzieren. So ein Tausch Fremd- gegen Eigenkapital ist nur dank der Schuldenkrise sinnvoll, da sie die Finanzierungskosten für deutsche Unternehmen auf den niedrigsten Stand der Geschichte getrieben hat.

dpa

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