Risiken und Tipps

Tücken der Nachtarbeit

+
Ein Leben gegen die innere Uhr macht krank. Gerade Schicht- und Nachtarbeiter bekommen das zu spüren.

Offenbach - Ungeachtet aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteile, welche die Schichtarbeit zweifellos bietet, bedroht sie die Gesundheit der Betroffenen. Redakteur Peter Schulte-Holtey fragte nach bei Dr. Michael Vollmer, Facharzt für Arbeitsmedizin in Seeheim-Jugenheim.

Zudem ist er Vize-Landeschef des Verbands deutscher Betriebs- und Werksärzte.

Lange kämpften die Gewerkschaften für den freien Samstag. Doch in der Dienstleistungsgesellschaft können zunehmend mehr Beschäftigte nur noch davon träumen. Sie müssen immer öfter am Wochenende oder nachts ran.

Ungeachtet aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteile, welche die Schichtarbeit zweifellos bietet, bedroht sie die Gesundheit der Betroffenen. So können Schichtarbeiter schlechter ein- und durchschlafen als der Normalbürger; sie leiden häufiger unter Verdauungsstörungen und Sodbrennen, und auch Magengeschwüre, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie selbst ein erhöhtes Krebsrisiko können Folge ihrer besonderen Belastungen sein.

Dr. Michael Vollmer

Ist Schichtarbeit mit regelmäßigem Nachteinsatz denn grundsätzlich für jeden Menschen schädlich? Zweifellos! Schichtarbeit mit Nachtarbeit stellen Risikofaktoren für die Gesundheit der Beschäftigten dar. Doch obwohl sogar das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil aus dem Jahre 1992 betont, dass „Nachtarbeit grundsätzlich für jeden Menschen schädlich“ sei, zeigt sich in der Wirklichkeit ein differenziertes Bild. So wie beschäftigte Menschen gesünder sind als arbeitslose Menschen, der sogenannte „Gesunder-Arbeitnehmer-Effekt”, da weniger gesunde Menschen öfter die Arbeit aufgeben, sprechen etliche Anhaltspunkte dafür, dass aktive Schichtarbeiter gesünder sind als Tagarbeiter. Ehemalige Schichtarbeiter dürften dagegen weniger gesund sein als beide Gruppen, denn nicht wenige von ihnen haben die Schichtarbeit gerade aus Krankheitsgründen aufgegeben oder aufgeben müssen. Je länger Beschäftigte in Schichtsystemen arbeiten, umso häufiger klagen sie über die darauf zurückgeführten Beschwerden. Neben Schlaf-, Appetit- und Verdauungsstörungen sowie psycho-vegetative Störungen leiden viele Schichtarbeitende vor allem unter Beeinträchtigungen des sozialen und familiären Lebens.

Wie ist es grundsätzlich mit Wechselschichten? Erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit zu erkranken?

Es kommt auf die Person, auf die Dauer der Beschäftigung und das Wechselschichtsystem an. Eher instabile Schichtarbeiter sind mit Risikofaktoren behaftete Menschen, bei denen Beschwerden und Erkrankungen als Folge der Wechselschichtarbeit häufiger auftreten. Ein solches Risiko besteht beispielsweise, wenn Menschen über 50 Jahre alt; in einem zweiten Job tätig, häuslich stark belastet, ein sogenannter „Morgenmensch“ oder durch Krankheiten vorbelastet sind. Beschwerden als Folge der Wechselschichtarbeit stellen sich auch in Abhängigkeit von der Dauer der Beschäftigung ein. Während eine fünf- bis zwanzigjährige Beschäftigung in Wechselschicht eher seltener spezifische Symptome zeigt, scheinen sich nach etwa 20 Jahren Schichtarbeit die damit zusammenhängenden Probleme anzuhäufen. Und schließlich das Schichtsystem: Lange Nachtschichtzeiten, Rückwärtswechsel der Schichten und wenige freie Wochenenden erhöhen das Risiko zu erkranken, während Schichtsysteme mit schneller Rotation von Früh-und Spätschichten, fehlender Massierung von Arbeitszeiten und geblockten Wochenendfreizeiten die bessere Chance zur Gesunderhaltung bieten.

Welche Gegenmaßnahmen empfehlen Sie als Arzt?

Nacht- und Schichtarbeit sind - wie ausgeführt - gerade auf längere Sicht ein Risiko für die Gesundheit. Deshalb sollten sich Beschäftigte in regelmäßigen Abständen vom Betriebsarzt beraten und gegebenenfalls untersuchen lassen. Das Arbeitszeitgesetz berechtigt nach Paragraph 6 den Nachtarbeiter, „sich vor Beginn der Beschäftigung und danach in regelmäßigen Zeitabständen alle drei Jahre arbeitsmedizinisch untersuchen zu lassen; nach Vollendung des 50. Lebensjahres steht Nachtarbeitern dieses Recht in Zeitabständen von jeweils einem Jahr zu“. Beim Betriebsarzt erhält der Schichtarbeitende wertvolle Hinweise zur richtigen Ernährung, zum erholsamen Schlaf, zum Erhalt der körperlichen Fitness, zu Vereinbarkeit von Familie bzw. Freizeit mit Schichtarbeit, aber auch zu seinem Gesundheitszustand. Gleichzeitig berät der Betriebsarzt die Unternehmen unabhängig zur gesundheitsgerechten Gestaltung der Arbeitsplätze und Organisation der Abläufe, um die Gesundheit der Beschäftigten auch in Wechselschichtsystemen zu schützen.

Quelle: op-online.de

Kommentare