Kommentar: An der Nadel

Angelsächsische Adressen haben nicht gespart mit (nicht immer) gut gemeinten Ratschlägen an die Adresse der krisengeplagten Europäer. Von Georg Anastasiadis

 Zwischen echter Sorge und kaum verhohlener Schadenfreude über den Beinahe-Kollaps des europäischen Währungsexperiments schwankten die Reaktionen in Washington und an der New Yorker Wall Street. Jetzt schwenken die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit auf den Kapitolshügel. Und siehe da: Amerikas Politiker agieren in ihrer eigenen Schuldenkrise nicht weniger hilflos als die vielgeschmähten Euro-Staatenlenker. Zum ungläubigen Staunen der Finanzmärkte, die von einem Ohnmachtsanfall zum nächsten taumeln.

Es ist kaum vorstellbar, dass Demokraten und Republikaner in den USA es zum großen Knall werden kommen lassen - schon aus Angst, von der Wall Street in Haftung für einen Börsencrash genommen zu werden. Am Ende werden die Kontrahenten schon irgendeinen Kompromiss zusammenschustern, der zumindest über die nächsten Monate trägt. Sich irgendwie über die Zeit retten, lautet der Plan. Auch darin sind sich Europäer und Amerikaner einig. Aber genau das ist ja das Verstörende: Weder diesseits noch jenseits des Atlantiks antwortet die Politik auf ein gravierendes Problem mit der nötigen Entschlossenheit und vor allem Ernsthaftigkeit.

Beide große Wirtschaftsblöcke des Westens hängen an der Nadel. Sie sind süchtig nach neuen Schulden, Amerika noch mehr als die Eurozone. In Europa soll jetzt Deutschland als Gläubiger für alle anderen einspringen, weil der Euro ja verteidigt werden muss, „koste es, was es wolle“ (und ausgerechnet die Deutsche Bank, für die selbst Milliardeninteressen auf dem Spiel stehen, soll die Griechenland-Umschuldung organisieren - das ist gerade so, als beauftrage man die Katze mit dem Hüten des Hamsters). Und in den USA? Dort ist es die Notenbank, die die Geldpresse laufen lässt, bis sie glüht. Beides wird nicht gutgehen. Das Beste, was die überforderte Politik mit dieser Art der Krisenbewältigung erreicht, ist, die Probleme in die Zukunft zu schieben. Bis sie irgendwann so groß sind, dass sie allen Beteiligten mit einem Riesenknall um die Ohren fliegen.

Quelle: op-online.de

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