Rechtsstreit um Aromen

Ritter-Sport-Schokolade: Natürlich - und doch künstlich

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Offenbach - Nach langem Ringen ist ein Urteil gefallen: Die Stiftung Warentest hat im Rechtsstreit um Aromen in einer Ritter-Sport-Schokolade gegen den Hersteller verloren. Für die Stiftung ist es eine seltene juristische Niederlage. Von Peter Schulte-Holtey 

Das Landgericht München entschied, dass eine einstweilige Verfügung gegen die Warentester Bestand hat. Von einem fairen Test könne in diesem Fall nicht gesprochen werden, erklärte das Gericht. Sollten die Prüfer in ihrer Schokoladenuntersuchung erneut behaupten, dass die Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport ein chemisch hergestelltes Vanillearoma enthalte, droht ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro. Doch die Stiftung Warentest gibt nicht auf und kündigte umgehend Berufung gegen die Entscheidung an.

Worum es in der Auseinandersetzung konkret geht:

Im Mittelpunkt des Streits steht der Aromastoff Piperonal. In der Voll-Nuss-Schokolade hatten die Prüfer das Vanillearoma gefunden und dem Hersteller vorgeworfen, die Verbraucher in die Irre zu führen. Denn Ritter Sport wirbt seit Jahren damit, ausschließlich natürliche Aromen zu verwenden und kennzeichnet auch seine Tafeln so. Piperonal aber werde künstlich hergestellt, urteilte die Stiftung Warentest. Firmenchef Alfred Ritter wies dies mit Empörung zurück und zog gegen die Stiftung vor Gericht. Piperonal komme unter anderem in Pflanzen und Dill vor und sei natürlich, beharrte Ritter Sport und verwies auf die Garantieerklärung des Herstellers Symrise, der das Aroma an Ritter Sport liefert.

Die Stiftung Warentest lässt aber nicht locker, sie werde gegen die Entscheidung in Berufung gehen. Sie sei nach wie vor sicher, dass das Aroma nicht als „natürliches Aroma“ bezeichnet werden dürfe. Das umstrittene Piperonalaroma sei nämlich nicht mit den erlaubten Verfahren herzustellen, so die Stiftung. Der Aromenhersteller Symrise, der Ritter beliefert, hat die Herstellungsart bislang laut Medienangaben nicht offen gelegt. Dies ist aber notwendig, um einschätzen zu können, ob ein Aroma nach der Aromenverordnung tatsächlich als „natürlich“ bezeichnet werden darf. Was auch vom Gericht angesprochen wurde: Egal ob künstliches oder natürliches Piperonal - in beiden Herstellungsarten ist der Aromastoff für Verbraucher unbedenklich.

Streitpunkt Aromastoffe - darauf sollten Kunden grundsätzlich beim Einkauf achten:

„Die Kennzeichnung ist sehr missverständlich“, kritisieren Lebensmittelexperten immer wieder. Abbildungen wie pralle Früchte oder knusprige Entenbrust auf den Lebensmittel-Etiketten springen sofort ins Auge. Verbraucher sollten sich aber nicht von schönen Bildern und klangvollen Produktnamen blenden lassen, die auf hochwertige Zutaten schließen lassen, sondern immer zuerst in die Zutatenliste schauen, die meist im Kleingedruckten auf der Rückseite der Verpackung zu finden ist. Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen: „Häufig ist der gewünschte Geschmack nämlich nur durch Aromen nachgeahmt. Selbst wenn mit ,extra viel Frucht’ oder ,echter Bourbon-Vanille’ geworben wird, sind Lebensmittel häufig zusätzlich aromatisiert.“

Zudem sind Aromazusätze auch in Lebensmitteln zu finden, in denen man sie nicht vermutet - beispielsweise in Tiefkühlobst, eingelegten Gurken, Margarine oder Fischkonserven. Für Verwirrung bei Verbrauchern sorgt zudem die komplizierte und unklare Kennzeichnung von Aromastoffen. Schauff: „Sie verstecken sich meist in der kleingedruckten Zutatenliste und können zusätzlich unterschiedlicher Herkunft sein, was aus der Kennzeichnung nicht eindeutig hervorgeht.“

Achtung: Das sind Mogelpackungen

Achtung: Das sind die Mogelpackungen

Am Beispiel von Erdbeergeschmack im Joghurt macht die Ernährungsberaterin der Verbraucherzentrale deutlich, warum es für Kunden oft so schwierig ist, den Durchblick zu behalten. So kann sich der Erdbeergeschmack aus folgenden Aromastoffen zusammensetzen:

„Aroma“: Wenn lediglich „Aroma“ in der Zutatenliste steht, ist davon auszugehen, dass dieses im Labor chemisch hergestellt (synthetisiert) wurde.

„Natürliches Aroma“, „natürlicher Aromastoff“: Dieser Aromastoff muss natürlicher Herkunft sein, aber nicht zwangsläufig aus einem Lebensmittel stammen. Er kann mit Hilfe von Mikroorganismen wie Bakterien, Pilzen oder Hefen aus natürlichen pflanzlichen oder tierischen Ausgangsstoffen wie zum Beispiel Holzrinde gewonnen werden. Möglich ist auch die Herstellung mit Hilfe gentechnologischer Verfahren.

„Natürliches Erdbeeraroma“: Bei dieser Angabe muss dass Aroma zu mindestens 95 Prozent aus dem angegebenen Lebensmittel, in diesem Fall aus der Erdbeere, stammen. Die verbleibenden fünf Prozent anderer Ausgangsstoffe können dann beispielsweise natürliche Schwankungen im Aroma oder Aromaverluste ausgleichen oder dem Aroma schließlich eine besondere Note verleihen.

„Extrakt“, zum Beispiel „Vanilleextrakt“: Extraktion bedeutet das Herausziehen - in diesem Fall von Aromastoffen - mit Lösungsmitteln wie Wasser oder Alkohol. Für die Herstellung von Vanilleextrakt aus Vanilleschoten wird zum Beispiel Alkohol verwendet. Vanilleextrakt enthält neben der wichtigsten Substanz Vanillin über 100 weitere Aromastoffe. In der Zutatenliste darf statt „Vanilleextrakt“ auch „natürliches Vanillearoma“ stehen.

Was Kunden beim Einkauf im Supermarkt in Betracht ziehen sollten:

Für wörtlich genannte und abgebildete Zutaten gilt die sogenannte Mengenkennzeichnungspflicht. Im Kleingedruckten auf der Rückseite erfahren Verbraucher, wie wenig davon häufig tatsächlich im Produkt steckt. Ernährungsexpertin Schauff: „Vorsicht auch, wenn die appetitliche Abbildung auf der Verpackungsvorderseite mit dem dezenten Hinweis ,Serviervorschlag’ versehen ist: Denn dann können hochwertige Zutaten gezeigt werden, die im Produkt nicht drin sind!“

Quelle: op-online.de

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