„Nebeneinander der Dienste bewährt sich nicht“

Offenbach - Rechtliche Unsicherheiten, etwa zum Kindergeld, haben den Start des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) überschattet. Inzwischen äußern sich die Sprecher der Sozialverbände zufriedener, aber die Auseinandersetzungen mit dem Bund sind noch immer nicht beigelegt.

Lesen Sie hierzu auch:

Das sollten Freiwillige beachten

Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei der Referentin fürs Freiwillige Soziales Jahr und Freiwillige Dienste im Diakonischen Werk in Hessen und Nassau (DWHN), Ingrid Pontzen nach:

Der neue Bundesfreiwilligendienst hat große Verwirrung und heftige Turbulenzen ausgelöst. Haben Sie in Ihrem Arbeitsbereich die meisten Hürden gemeistert?

Im Großen und Ganzen ja: Wir haben alle Interessierten und Einrichtungen ausführlich informiert und dort, wo es möglich war, einen Platz beim Bundesfreiwilligendienst angeboten. Dabei gestalten wir soweit möglich den BFD identisch zum Freiwilligen Sozialen Jahr: bezüglich der praktischen Tätigkeiten, der pädagogischen Begleitung und der Leistungen für die Freiwilligen wie Taschengeld, Verpflegungsgeld, Sozialversicherung, Urlaub. Im Ergebnis haben wir von 300 Freiwilligendienstplätzen 247 im FSJ und 53 im BFD besetzen können. Dies entspricht etwa unserer ursprünglichen Planung: nämlich den Anstieg von 250 Plätzen im vergangenen Jahr auf 300 Plätze in diesem Jahr über den BFD zu erreichen.

Und die Hürden, die weiter bestehen ...

Sie sind durch die ungenügend geregelten Rahmenbedingungen verursacht: Eine Nachzahlung des Kindergeldes ist für viele Familien nicht hinnehmbar, die auf eine monatliche Unterstützung finanziell angewiesen sind; die Anerkennung der Fachhochschulreife ist in Hessen nicht geklärt; ebenso gibt es Verunsicherung bezüglich der Wartezeiten bei einem Studium.

Steigt das Interesse am Bundesfreiwilligendienst?

Langsam, aber stetig. Wobei sich das Interesse der Bewerber in Grenzen hält: In der Regel wird die bekannte und erfolgreiche „Marke“ FSJ eindeutig bevorzugt. Bei den Einrichtungen dagegen steigt das Interesse, besonders bei denjenigen, die bisher Zivildienstleistende beschäftigt haben und nun einen Anschluss suchen. Die Einrichtungen, die bisher FSJler beschäftigt haben, wollen dagegen eher dabei bleiben, da sie die Art der pädagogischen Begleitung und die enge Zusammenarbeit mit den Trägern sehr schätzen.

Was sollte denn bei den Unterschieden zwischen FSJ und BFD beachtet werden? Was gilt zum Beispiel beim Kindergeld?

Zum Kindergeld gilt die Aussage, dass es Ende November 2011 durch einen Bundestagsbeschluss eine Änderung des Einkommenssteuergesetzes geben wird, wodurch die rechtliche Grundlage geschaffen wird, Kindergeld rückwirkend - auch im BFD - zu zahlen. Dies wird vor allem für die künftigen BFDler von Vorteil sein, die genauso wie im FSJ monatliche Auszahlungen erwarten können. Ein gravierender Unterschied liegt darin, dass im BFD mindestens zwei Seminarwochen an den Bildungszentren des Bundes belegt werden müssen, während im FSJ die Freiwilligen nach einem einheitlichen Bildungskonzept des Trägers begleitet werden. Es können wahlweise auch jeweils eine Woche durch die BFDler und eine Woche durch FSJler nachgewiesen werden. Diese Lösung bevorzugen wir, in dem wir gemischte FSJ-BFD-Gruppen anbieten, die dann zusammen jeweils eine Woche ins Bildungszentrum Wetzlar gehen.

Es gibt auch einen wesentlicher Unterschied bei der finanziellen Unterstützung der beiden Dienste?

Während der Bundesfreiwilligendienst großzügig vom Bund bezuschusst wird, ist dies für das Freiwillige Soziale Jahr nicht in der Art gegeben. Einsatzstellen müssen daher in der Regel für einen FSJ-Platz mehr bezahlen als für einen BFD-Platz, wodurch eine von uns nicht gewollte Ungleichbehandlung entsteht.

Sind die Auseinandersetzungen zwischen den Sozialverbänden und dem Bund beigelegt?

Nein! Für den aktuellen Jahrgang wurde eine Lösung erreicht, die den Trägern eine Förderung von 30 000 Plätzen für das Freiwillige Soziale Jahr zugesichert hat. Dies ist entgegen früherer Versprechen einer hundertprozentigen Förderung nur eine Förderung von etwa 75 Prozent aller. Aktuell wird auch dies vom Bundesrechnungshof massiv angemahnt, da er nach seinen Prüfungen die Finanzierungskompetenz des Bundes für das FSJ generell in Frage stellt. Dadurch sind die Planungsgrößen für das FSJ weiterhin ungesichert und die Träger müssen sich auf weitere Änderungen 2012 einstellen. Die Auseinandersetzungen und Verhandlungen laufen weiter.

Glauben Sie, dass sich das Nebeneinander der beiden Dienste bewähren wird?

Nein! Es wäre sicherlich sinnvoller, wenn es mittelfristig einen einheitlichen Dienst geben würde, da FSJ und BFD parallel bisher nur Verwirrung bei den Adressaten und Ungleichbehandlung im Angebot erzeugt hat. Falls es zu einem einheitlichen Dienst kommen sollte, ist es jedoch aus Sicht des Diakonischen Werks absolut notwendig, dass dieser im Sinne der Subsidiarität in der Trägerschaft der freien Träger verankert ist. Eine zunehmende Verstaatlichung der Freiwilligendienste und damit des freiwilligen Engagements, das per se in der Zivilgesellschaft angesiedelt sein muss, ist für das Diakonische Werk in Hessen und Nassau nicht akzeptierbar.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Archiv

Kommentare