Neue Bilder vom Machtmenschen

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) hat gestern sein neues Buch „Aus Sorge um Europa - Ein Appell“ in Frankfurt vorgestellt. - Fotos: dpa

Frankfurt - Es gibt Situationen, wo man nur mit dem Gehör erkennt, um was es eigentlich geht. Die Vorstellung des neuen Buches von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl „Aus Sorge um Europa - Ein Appell“ gestern im Frankfurter Nobel-Hotel „Villa Kennedy“ ist so eine Gelegenheit. Von Michael Eschenauer

Wie Regenschauer prasseln die elektronisch mit einem „Klack“ versehenen Blitzlichter der Fotografen. Hundertfach, tausendfach klackernde Tropfen auf einem Blechdach.

Kohl wird in einem Rollstuhl in den Saal geschoben. Kräftige Männer bugsieren den stocksteif sitzenden, mit der linken die rechte Hand umkrampfenden einstigen Machtmenschen auf die Tribüne. Seine Ehefrau Maike Kohl-Richter ordnet das Manuskript, reicht ein Taschentuch, flüstert ihm etwas zu. Sie rückt das Mikrophon zurecht. Wenn sie das tut, prasselt der Regen besonders stark. Es entstehen Bilder, die die eine, die wichtigste Frage dieses ganzen Rummels beantworten sollen: Wie geht es Helmut Kohl?

Nun, es geht ihm gut. So gut, wie es einem 84-Jährigen gehen kann, der vor sechseinhalb Jahren bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma überstanden hat, nach dem, wie Maike Kohl-Richter gestern sagt, „jeder Zweite nicht mehr aufgestanden wäre.“ So gut, dass das gerne gepflegte Bild des Wracks, das in physischer und geistiger Abhängigkeit von der es völlig vereinnahmenden, um einiges jüngeren Ehefrau lebt, in der Gesamtschau als falsch entlarvt wird. Auch wenn die Medienbilder etwas anderes suggerieren sollen. „Er ist in seiner Geisteskraft nicht beeinträchtigt. Ich begleitet ihn und helfe ihm, wenn er der Unterstützung bedarf“, sagt Kohl-Richter gleich zu Beginn. Es ist eine Klarstellung, „weil schon so viel Falsches über uns berichtet worden ist“.

Einen „leidenschaftlichen wie aufrüttelnden Appell“ für Europa hat der Droemer-Verlag zur Markteinführung des Kohl-Buches angekündigt. Der Autor, längst ein Mythos, ist allerdings sehr schwer zu verstehen im mit über 120 Journalisten vollgestopften „Konrad-Adenauer-Saal“. Über Verständigungsbarrieren hinweg macht der „Kanzler der Einheit“ und „Ehrenbürger Europas“ aber eines klar: Europa muss wieder eine „Herzensangelegenheit“ der Menschen werden. „Wir brauchen wieder mehr europäischen Gemeinsinn“, fordert der Mann im Rollstuhl, der wegen quälenden Hustens immer wieder eine Pause bei seinem fünfminütigen Statement, abgelesen von Notizen in Großschrift, einlegen muss.

Manche Sätze geraten gar zu Gemurmel, das nicht mehr zu deuten ist. Aber was soll man ihn auch immer verstehen? Er hat ja extra ein Buch geschrieben, wo man auf 119 Seiten genau das nachlesen kann, was der Mann da oben, der zwar eine Botschaft, aber keine flinke Zunge mehr hat, sagen will. In dem „Appell“ teilt Kohl aus nach alter Manier, kritisiert Kleinstaaterei, Geschichtsvergessenheit und das Aufkommen alter Ressentiments in Europa. Seinem Nachfolger Gerhard Schröder und dessen rot-grüner Regierung wirft er vor, für die Schuldenkrise in Europa verantwortlich zu sein, weil sie Griechenland zu früh in die Eurozone aufgenommen und mit Frankreich den Euro-Stabilitätspakt verletzt habe. Den Westen beschuldigt der Altkanzler (1982 bis 1998), Russland in der Ukraine-Krise zu stark isoliert zu haben.

Der neue Kommissionspräsident der Europäischen Union, Jean-Claude Juncker, schätzt sich in seiner Laudatio glücklich, „den ersten Arbeitstag mit Helmut Kohl zu verbringen“, einem Mann, den er „gefühlt seit hundert Jahren kennt“. Kohls Methode sei es gewesen, bei der Gestaltung von Politik immer auf die Befindlichkeiten der anderen Staaten, auch der kleineren, zu achten und von vornherein zu wissen, was den Gesprächspartner umtreibe. Sie beide, Kohl und Juncker, beobachteten mit Erschrecken, wie im Zuge der Wirtschaftskrise alte Ressentiments in der EU, zum Beispiel gegenüber Griechenland, wiedererstarkt seien. Auch gebe es wieder Vorurteile gegenüber den Deutschen, von denen man geglaubt habe, sie seien überwunden. Zu Kohl, „dem Mann der konstanten Linienführung“, gehöre ebenso, dass er - auch wenn ihm das die bösen Worte anderer eingetragen habe - stets an die deutsche Wiedervereinigung geglaubt habe. Allerdings nur als Kehrseite der Medaille des europäischen Friedens und der europäischen Einigung. Europapolitik sei für den Buchautor und Historiker immer Friedenspolitik gewesen.

Die Behauptung, der Kohlsche Friedensgedanke trage heutzutage nicht mehr als Basis für Europa, „ist ein dummer Satz für einen gequälten Kontinent“, sagt Jucker. „Der Glaube, der Frieden sei ein Geschenk des Himmels, ist ein Irrtum. Der Himmel macht nicht viele Geschenke“. Dies zeige auch ein Blick in Richtung Ukraine. Die Einigung sei angesichts der extremen internationalen Machtverschiebungen, die sich abzeichneten, eine politische Überlebensfrage für die Euro-Staaten. Es sei wichtig, so der politische Weggefährte Kohls, dass dieser auch weiter Bücher schreibe. Er müsse die Deutungshoheit über die Geschichte behalten. Kohls Forderung „Europa tragen, nicht ertragen“ könnte der Leitsatz für seine, Junckers, Amtszeit werden.

Kohl scheint bei all dem stets alert. Er lacht bei bestimmten Bemerkungen Junckers, raunt seiner Ehefrau etwas zu oder ergreift erneut kurz das Wort. Die Frage eines Journalisten, wie hoch der Anteil von Maike Kohl-Richter an dem neuen Buch des Alt-Bundeskanzlers sei, verdeutlicht am Ende der rund eineinhalbstündigen Veranstaltung noch einmal das Misstrauen der Öffentlichkeit der neuen Ehefrau gegenüber. Sie hat offensichtlich nach der Ablösung von Heribert Schwan, gegen den der Altkanzler wegen der umstrittenen Veröffentlichung der „Kohl-Protokolle“ derzeit prozessiert, die Position des Ghostwriters übernommen.

„Mein Mann hat das im Kopf. Ich gehe dann in die Archive und such’ ihm raus, was er im Kopf hat“, beschreibt sie die Entstehung des Europa-Appells. Dann lege sie ihm schrittchenweise die Dinge vor und gebe Formulierungshilfen. Jean-Claude Juncker bestätigt dies. „Wir diskutieren viel, wenn ich ihn besuche.“ Wenn Kohl müde werde und die Verständlichkeit seiner Worte nachlasse, frage man ihn, ob er den letzten Satz so oder so gemeint habe. „Und es ist meistens Maike, die recht hat.“

‹ Helmut Kohl, Aus Sorge um Europa - Ein Appell, 120 Seiten, Droemer Knaur Verlag, München, Preis 12,99 Euro

Quelle: op-online.de

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