Grüne im Umfragehoch

Nicht nur ein Fukushima-Effekt

Es ist eine Umfrage, die aufhorchen lässt: Die Grünen sind in der Wählergunst bundesweit auf den neuen Rekordwert von 28 Prozent geschnellt. Zusammen mit der SPD, die auf 23 Prozent kommt, erreicht das grün-rote Lager 51 Prozent, die absolute Mehrheit also. Und: Als die stärkere Partei könnten die Grünen - wenn jetzt Bundestagswahlen wären - in der Folge gar den Kanzler stellen. Von Siegfried J. Michel

Wer diese Entwicklung allein als eine Folge der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima sieht, denkt zu kurz. Ja, es ist sicherlich richtig, dass der atomare GAU in Fuku shima ein wichtiger Auslöser dafür war, dass die Grünen bei den Landtags- und Kommunalwahlen einen so satten Stimmenzuwachs verbuchen durften. Und ja, Umfragen sind - in vielen Fällen jedenfalls - Momentaufnahmen. Darauf hatte sich ja auch häufig ein gewisser Herr Westerwelle berufen, als es mit seiner FDP in der Wählergunst immer tiefer in den Keller ging. Das Ende ist bekannt.

Bei allen Schwankungen, die sich in den Umfragen der vergangenen Monate gezeigt haben, wird aber doch deutlich, dass es den Politikern der Ökopartei inzwischen gelungen ist, in der vielzitierten Mitte der Gesellschaft anzukommen. Insgesamt zeigt der Trend noch oben. Und dies hat nicht nur etwas mit dem Fukushima-Effekt zu tun, sondern schlicht und einfach auch mit der Frage der politischen Glaubwürdigkeit. Gerade die hat die schwarz-gelbe „Wunschkoalition“ nach der Bundestagswahl 2009 in einem atemberaubenden Tempo beim Wahlvolk verspielt.

Als Beispiele seien nur kurz genannt: Das unerklärbare Festhalten an der Mehr-Netto-vom-Brutto-Parole trotz Wirtschaftskrise, die Klientelpolitik in Sachen Hoteliers, das halbherzige „An-die-Leine-nehmen“ der Banken, das Herumgeeiere von Kanzlerin Merkel bei der Euro-Krise oder der Deal mit den Energiekonzern-Bossen über längere AKW-Laufzeiten. Den letzten Zacken aus ihrer Glaubwürdigkeits-Krone herausgeschlagen haben sich die Schwarz-Gelben aber dann durch die - im Angesicht der anstehenden Wahlen am 27. März - schon panische Kehrtwende in der Atompolitik mit Moratorium und Ethikkommission.

Diese Regierung hat sich selbst in die jetzt anstehende Zeit der Kanzlerin-Dämmerung katapultiert, weil sie ihrer Wählerschaft nicht mehr erklären kann, wofür Schwarz-Gelb wirklich steht. Die Grünen haben da eher kein Problem. Und wenn es in Baden-Württemberg der erste grüne Ministerpräsident in spe, Winfried Kretschmann, schafft, eine Politik zu machen, die die Mehrheit der Bürger im Ländle mitnimmt, dann könnte er wohl wirklich einem grünen Kanzlerkandidaten 2013 den Weg an die Macht in Berlin ebnen. Wenn es überhaupt noch so lange dauert . . .

@ Siegfried.Michel@op-online.de

Quelle: op-online.de

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