Nach Massenmord: Täter in vollständiger Isolation

Oslo - Norwegen trägt nach den beiden Anschlägen Trauer. Hunderttausende gedachten der Opfer. Der Attentäter zeigt keine Reue. Im Gefängnis ist er in völliger Isolation. Die Polizei will die Namen der Toten publik machen.

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Hunderttausende Norweger haben am Montagabend in Oslo und anderen Städten mit “Blumenzügen“ der Opfer der beiden Terroranschläge gedacht. Am Mittag verharrten die Menschen bei einer Schweigeminute. Überall im Land ließen die knapp fünf Millionen Bürger die Arbeit ruhen, Züge hielten an, in der Hauptstadt Oslo ruhte der Straßenverkehr. Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik gestand die blutigen Terroranschläge, ist sich aber angeblich keiner Schuld bewusst. Er habe Norwegen und Westeuropa retten wollen, sagte der 32-Jährige zu seinen Motiven am Montag vor dem Haftrichter in Oslo. Das Gericht verhängte eine achtwöchige Untersuchungshaft gegen den Attentäter. Davon muss Breivik vier Wochen in vollständiger Isolation verbringen, darf weder Besuch empfangen noch Briefe schreiben oder erhalten. Ein Psychiater wird seine Zurechnungsfähigkeit untersuchen.

Norwegen trauert um die Opfer des Attentats

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Die Polizei korrigierte die Zahl der Opfer nach unten. Bei den zwei Anschlägen kamen demnach 76 Menschen ums Leben. Acht starben beim Bombenattentat im Regierungsviertel. Bei dem anschließenden Massaker unter jugendlichen Teilnehmern eines sozialdemokratischen Ferienlagers auf der Insel Utøya gab es 68 Tote. Zuvor gingen die Behörden von 93 Toten aus.

Breivik hatte am Freitag eine 500-Kilo-Bombe im Osloer Regierungsviertel detonieren lassen. Für die Herstellung der Bombe hatte er auf einem Hof bei Oslo sechs Tonnen Kunstdünger gelagert. Die EU-Kommission forderte als Reaktion auf die Anschläge in Norwegen schärfere Kontrollen für den Verkauf von bombentauglichen Chemikalien.

Die Korrektur der Todeszahlen begründete die Polizei mit der “sehr schwierigen Ermittlungslage“. Das gelte vor allem für die Suche nach Toten, Vermissten und Überlebenden auf der kleinen Insel und im Tyrifjord. Dort werde weiter gesucht, entsprechend könnten sich die Zahlen noch ändern.

Die norwegische Polizei will am Dienstag die Namen der 76 Todesopfer bei den Anschlägen vom Freitag veröffentlichen.

Attentäter spricht von "zwei weiteren Zellen"

Vor dem Haftrichter sagte der Attentäter, er habe nicht das Ziel gehabt, so viele Menschen wie möglich zu töten. Vielmehr habe er ein starkes Signal senden wollen, das nicht missverstanden werden könne. Er wollte nach eigenen Angaben der sozialdemokratischen Arbeiterpartei größtmöglichen Schaden zufügen. Sie sei für die massenhafte Einwanderung von Muslimen verantwortlich und habe dafür bezahlen müssen. Breivik sprach von “zwei weiteren Zellen in unserer Organisation“. Weitere Einzelheiten wurden dazu nicht mitgeteilt.

Schockierende Bilder: Blutbad in Norwegen

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Der Attentäter machte laut Ermittlern “einen ruhigen und unberührten Eindruck“. Polizeiankläger Christian Hatlo berichtete, dass Richter Kim Heger Breiviks Aussagen stoppte, als dieser begann, aus seinem 1500 Seiten umfassenden “Manifest“ vorzulesen. Nach TV-Angaben wies Heger auch einen Antrag Breiviks zurück, bei dem Termin in einer Galauniform zu erscheinen.

Auch die Schweiz im Visier des Attentäters

Der Attentäter hat in seinem “Manifest“ auch mögliche Anschlagsziele in der Schweiz aufgeführt. Genannt sind beispielsweise die Raffinerien von Cressier und Collombey sowie die Atomkraftwerke von Beznau, Gösgen, Leibstadt und Mühleber. Die “Kämpfer des Widerstands“ sollten in den genannten Ländern handeln, “weil sie nicht auf einen Wechsel durch demokratische Mittel hoffen können“, heißt es in dem Schreiben. Das treffe auch auf die Schweiz zu. Breivik schreibt weiter von rund einer halben Million “multikulturellen Verrätern“ in der Schweiz. Sie hätten die Einwanderung der Muslime erleichtert.

Bei der Verhandlung war die Öffentlichkeit ausgeschlossen worden, obwohl der geständige 32-Jährige bei Verhören ausdrücklich Öffentlichkeit für den Termin gewünscht hatte. Das Gericht begründete die Entscheidung mit Sicherheitsproblemen und Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen. Beim Eintreffen vor dem Osloer Stadtgericht griffen Jugendliche das Auto des Attentäters an. Sie traten gegen den schwarzen Jeep und riefen Beschimpfungen.

Obwohl Norwegen zu den weltweit rund 20 Staaten gehört, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben, kann der Attentäter bei einer Verurteilung dennoch für immer hinter Gittern bleiben. Denn schon beim Urteilsspruch kann ein Gericht die sogenannte Verwahrung (“forvaring“) verhängen, deren Ende ungewiss ist. Als psychisch kranker Straftäter käme er in eine geschlossene Fachklinik.

Stiefbruder von Mette-Marit unter den Opfern

Kritik gab es am Tempo des Polizeieinsatzes. Oslos Polizeichef Anstein Gjengedal sagte, die Antiterroreinheit “Delta“ sei sofort nach dem ersten Alarmruf trotz der vorherigen Bombenexplosion im Regierungsviertel Richtung Jugendlager in Gang gesetzt worden: “Wir waren schnell da.“

Der Attentäter hatte für seinen Angriff auf etwa 600 Jugendliche eine Stunde Zeit, bis er festgenommen wurde. Die Eliteeinheit der Polizei war in Autos aus dem 45 Kilometer entfernten Oslo gekommen. Sie verlor nach Angaben mehrerer Medien Zeit, weil beim Übersetzen auf die kleine Fjordinsel Utøya ein Bootsmotor streikte.

Zu den Opfern des Massakers auf der Insel gehört auch ein Stiefbruder der norwegischen Prinzessin Mette-Marit. Wie die Zeitung “Dagbladet“ berichtete, wurde der 51-jährige Trond Berntsen erschossen, als er seinen zehnjährigen Sohn schützen wollte. Berntsens Vater war mit der Mutter Mette-Marits, Marit Tjessem, verheiratet.

dpa

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