Expertin Lehr fordert mehr Lebensqualität und bessere medizinische Betreuung von Senioren

Plädoyer für „Alter in Würde“

Offenbach - Bettlägerig und alt, aber trotzdem kommt der Facharzt nicht: Nach Berichten von Experten gibt es weiterhin erhebliche Lücken bei der regelmäßigen fachärztlichen Betreuung in den Alten- und Pflegeheimen. Von Peter Schulte-Holtey 

Eine große Zahl von quälenden und teuren Krankentransporten sind die Folgen. Die Warnungen vor Personalmangel und Fehlern bei der Betreuung von Senioren in Pflegheimen und Kliniken werden immer lauter. Nach Auffassung von Experten muss sich die medizinische Behandlung ältere Menschen stärker am Patientenwohl orientieren. Im Interview mit unserer Zeitung kritisierte Altersforscherin Ursula Lehr: „Was verbessert werden muss, ist die ärztliche und fachärztliche Betreuung von Menschen, die im Heim leben und nicht mehr in der Lage sind, eine Arztpraxis aufzusuchen. Dies gilt insbesondere für Zahn-, Augen- und HNO-Ärzte sowie Neurologen und Psychiater.“ Sie erinnert daran, dass die Nicht-Behandlung zum Beispiel eines alten, sehbeeinträchtigten Menschen gravierende Auswirkungen habe: Er kann nicht mehr lesen, fernsehen, ist aber auch stärker sturzgefährdet. So werde einerseits die Lebensqualität stark beeinträchtigt, andererseits komme es zum Beispiel durch einen möglichen Oberschenkelhalsbruch zu hohen Kosten. Die ehemalige Bundesministerin Lehr weiter: „Grundsätzlich dürfen medizinische Behandlungen nicht vom Lebensalter beeinflusst werden, auch Rehabilitationsmaßnahmen nicht. Leider stimmt es, dass für einen bereits Pflegebedürftigen, vor allem für Menschen im Pflegeheim, nicht alle Rehabilitationsmaßnahmen ausgeschöpft werden.“

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz legt den Finger in diese Wunde im Sozialsystem. Auch in vielen Kliniken werden Missstände beobachtet. Gerade alte und demenzkranke Patienten würden in den Krankenhäusern schlecht versorgt, erklärte Vorstand Eugen Brysch. Es gelinge nicht, Drehtüreffekte zu vermeiden und die sprechende Medizin zu stärken. „Die Politik muss jetzt bei einer alternden Gesellschaft die Konsequenzen ziehen“, sagte Brysch. Es gelte unter anderem, das Abrechnungssystem anzupassen und verbindliche Personalschlüssel für die Pflege festzulegen.

Mit dem respektvollen Umgang von betagten Menschen befasst sich auch die „Woche für das Leben“, die heute in Mainz beginnt. Die Aktion der evangelischen und katholischen Kirche steht in diesem Jahr unter dem Motto „Alter in Würde“. An dem ökumenischen Auftaktgottesdienst wirken der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der katholische Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, mit. Mit der Initiative soll die Gesellschaft für den Schutz des Lebens in allen Phasen von der Zeugung bis zum Tod sensibilisiert werden. Bundesweite Veranstaltungen finden noch bis zum 16. April statt. Die Kirchen setzten sich unter anderem dafür ein, dass diese Menschen am Ende ihres Lebens nicht unter Einsamkeit leiden müssen.

Quelle: op-online.de

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