Ulmer Münster in der Diskussion

Rassismus-Eklat um Weihnachtskrippe: Dekan verbannt die Heiligen Drei Könige

Vier Kinder gehen verkleidet als die Heiligen Drei Könige über eine Wiese.
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Die Heiligen Drei Könige sind fester Bestandteil der christlichen Weihnachtstradition. (Symbolbild)

Sie gehören zur Krippe wie Maria und Josef: Die Heiligen Drei Könige. Doch der Dekan des Ulmer Münster möchte die Figuren Weihnachten 2020 nicht mehr ausstellen - denn er fürchtet den Eklat.

  • Kasper, Melchior und Balthasar: Die Heiligen Drei Könige gehören in jede Weihnachtskrippe.
  • In der christlichen Tradition ist Melchior dunkelhäutig.
  • Jetzt reagiert der Dekan des Ulmer Münster auf die internationale „Black Lives Matter“-Bewegung.

Ulm - Der „Mohrenkopf“, die „Zigneuer“-Sauce“ - und jetzt auch Melchior. Sie alle stehen im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung* im Fokus einer Rassismus-Debatte. Im Ulmer Münster wurde deshalb jetzt eine Entscheidung getroffen: Entgegen der Weihnachtstradition möchte man in der höchsten, evangelischen Kirche Deutschlands dieses Jahr die Heiligen Drei Könige nicht mehr ausstellen. Vorsichtshalber, so heißt es. Denn der Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Dohl befürchtet, dass die drei Holzfiguren für negative Schlagzeilen sorgen könnten. Dabei geht es speziell um den dunkelhäutigen König Melchior.

Die Holzfigur des Melchior mit Brezel und die Krippe wurden 1920 vom Ulmer Holzbildhauer Martin Scheible (1873-1954) geschnitzt. 1992 schenkte eine Familie sie der Münstergemeinde. Seitdem war die Krippe fester Bestandteil einer weihnachtlichen Ausstellung in der Kirche. Als in der Stadt im Sommer über die „Mohrengasse“ und eine Umbenennung der Straße diskutiert wurde, kamen bereits Gemeinderatsmitglieder auf Dekan Gohl zu. Nicht wegen seiner Hautfarbe, aber doch wegen seiner Darstellung würde mit Sicherheit auch die Melchior-Figur umstritten sein.

Die evangelische Münstergemeinde in Ulm will 2020 die Heiligen Könige in der Weihnachtskrippe nicht mehr ausstellen.

Ulmer Dekan Dohl findet: „Unser Melchior ist rassistisch“

Zu recht, findet Dekan Dohl und meint gegenüber der Bild-Zeitung: „Unser Melchior hat eine Fratze, dicke Lippen, dicken Bauch und krumme Beine mit Goldreifen am nackten Fuß. Diese Darstellung ist rassistisch.“ So weise die Skulptur doch klassische, stereotype Darstellungen eines Sklaven auf. Selbstverständlich gehöre getreu der kirchlichen Tradition ein schwarzer König in die Krippe, so Dohl. Doch gerade wolle sich seine Gemeinde „in Ruhe“ überlegen, ob „solch ein Melchior“ noch gezeigt werden könne. Schwarze Christen, sagt Dohl der Bild weiter, fühlten sich dadurch lächerlich gemacht.

International daure die Rassismus-Debatte noch immer, sodass Dohl und seine Kirchengemeinde durch die Entfernung der Figur einem Eklat während der Feiertage vorgreifen möchten. Nach einem schweren Jahr, das vor allem von der Coronavirus-Pandemie bestimmt war, solle das diesjährige Weihnachten nicht von einer Debatte über die Krippenfiguren bestimmt werden. Dohl möchte sich 2020 der Weihnachtsgeschichte nach Lukas widmen, in der die Heiligen Drei Könige nicht vorkommen.

Video: Ulmer Münster entfernt Melchior-Figur - Der Grund: Klischeehafte Darstellung

Doch die Heiligen Drei Könige gehören für viele Christen genauso zu Weihnachten wie Maria, Josef und das Jesu-Kind - so muss sich Dohl auch jetzt mit Kritik auseinandersetzen: „Der Künstler hatte mit Sicherheit keinen rassistischen Gedanken dabei“, meint die Ulmer Heimatforscherhin Irene Reichert, während auch der Landesbischof Frank Otfried July dafür plädiert die Holzfigur weiterhin auszustellen. Als Kompromiss schlägt er vor, die Krippe mit einem Erklär-Kommentar zu versehen.

Während Vertreter der AfD die Entfernung der Holzfigur des Melchior mit Brezel als „übertriebene politische Korrektheit der Evangelischen Kirche“ kritisieren, gibt es auf Twitter aber auch viele positive Rückmeldungen zur Entscheidung des Ulmer Dekans. „Solange Kirchen rassistische Stereotype reproduzieren, wird die Weihnacht nicht froh — gute Entscheidung der Münster-Gemeinde“, schreibt der Zeit-Journalist Hannes Leitlein auf Twitter. Der Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume gratulierte Dohl auf Twitter zu dieser „richtigen“ und „mutigen“ Entscheidung.

Der Ulmer Fall um die Krippenfigur des Melchior reiht sich international in viele weitere Rassismus-Themen ein, so nahmen beispielsweise viele Streaming-Portale den Filmklassiker „Vom Winde verweht“ aus dem Programm. Dieser solle solange nicht mehr öffentlich gezeigt werden, bis er etwa bearbeitet oder kommentiert wurde. (cos) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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