Kommentar: Ein Schlag ins Gesicht

Das schlägt dem Fass den Boden aus: Seit Monaten kämpft Europa für die Rettung Griechenlands. Die Bürger des Kontinents müssen mit milliardenschweren Bürgschaften enorme Risiken eingehen. Und nun ein Volksentscheid. Von Marc Kuhn

Papandreou lässt das Volk über den Sanierungskurs abstimmen - über eine hochkomplexe Materie, die bei den Griechen auf breite Ablehnung stößt. Das Ergebnis dürfte schon jetzt feststehen. Papandreous Verhalten ist somit ein Schlag ins Gesicht der Europäer.

Das Ziel des Premiers ist klar: Er hofft auf Rückendeckung für die mit der EU verabredeten harten Maßnahmen, weiß er doch, dass viele Bürger nicht mehr hinter ihm stehen. Papandreou stiehlt sich aus der Verantwortung. Denn: Noch hat er einen Regierungsauftrag vom Volk, auch wenn die Mehrheit hauchdünn ist. Ein Politiker, der nicht mehr regieren kann, sollte zurücktreten statt auf fragwürdige Volksentscheide zu setzen.

Die Entwicklung in Griechenland zeigt einmal mehr, in welchem Dilemma Europa steckt. Solange die EU keine einheitliche Finanz- und Wirtschaftspolitik betreibt, gerät die Europäische Union mit ihrer einheitlichen Währung immer wieder in existenzielle Krisen, weil nationale Interessen und Egoismen sie gefährden. Das historische Projekt eines zusammenwachsenden Kontinents gerät jetzt ernsthaft in Gefahr. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Papandreou mit dem Feuer spielt. Schließlich gibt es keine Alternative für die Griechen, die Jahrzehnte über ihre Verhältnisse gelebt haben und nun die Zeche dafür zahlen. Den meisten Menschen in dem Land scheint nicht bewusst zu sein, welche Folgen eine Staatspleite haben wird, die bei Ablehnung der Übereinkunft mit den Europäern unausweichlich ist. Der wirtschaftliche und soziale Niedergang wird weitaus schlimmer sein, als bei einer von EU und IWF flankierten Sanierung.

Derweil verwundert es nicht, dass Rufe nach einem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro oder aus der Union wieder laut werden. Überzeugte Europa-Politiker hören sie nicht gerne. In der Tat. Ein solcher Schritt wäre eine Bankrotterklärung für die EU. Es könnte der Anfang von ihrem Ende sein - auch in diesem Fall würden die Auswirkungen auf die Volkswirtschaften des Kontinents verheerend sein. Allerdings sind die Bürger beispielsweise in Deutschland angesichts der griechischen Tricksereien immer weniger für die Europäische Union und den Euro zu begeistern.

Europa steht folglich an einer Wegscheide. Das Schlimmste daran ist, dass diejenigen, die die EU in eine Existenzkrise gestoßen haben, jetzt maßgeblich über ihr Schicksal entscheiden.

Quelle: op-online.de

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