Köhler attackiert Profiteure

Kommentar: Wer schließt das Casino?

Bundespräsident Horst Köhler im Oktober 2008: „Die jetzigen Krisenerscheinungen sind in ihrer Dramatik erkannt, und die Verantwortlichen arbeiten konzentriert an Lösungen... Ich halte die Krise für beherrschbar. Wir haben es in der Hand.“ Von Frank Pröse

Drei Jahre zuvor hatte der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds schon eindringlich vor den Monstern der internationalen Finanzmärkte gewarnt. Zugehört hatte ihm wieder einmal niemand. Mahnende Worte passten damals nicht zur Goldgräberstimmung an den Börsen. Die vermeintlich erfolgreich mit Milliarden jonglierenden Monster waren quasi sakrosankt.

Doch selbst mitten in der Krise, eben im Oktober 2008, hörte offensichtlich niemand auf den Ratschlag des auf den Finanzplätzen bewanderten Bundespräsident. Denn die Monster wurden keineswegs in ihre Schranken verwiesen. Die Weltgemeinschaft hat die Gefahr zwar erkannt, es aber bis heute versäumt, die Zügel straffer zu ziehen. Also wird für die Maximierung der Rendite immer noch gezockt, als wäre nichts gewesen. Wen kümmert‘s, dass sich Investmentbanking und sogenannte Finanzinnovationen von der Realwirtschaft entkoppelt haben?

Casino hat immer noch geöffnet

Und wirtschaftliche Ethik spielt in den Glaspalästen und auf dem blank polierten Parkett schon lange keine Rolle. Sonst könnten beispielsweise auch die unsäglichen Ratingagenturen nicht schalten und walten wie sie wollen, obwohl ihre Urteilsvermögen eher an Kaffeesatzleserei erinnert. Das Casino hat immer noch geöffnet und erfreut sich regen Zulaufs. Denn anders als am Roulettetisch im richtigen Leben gehen die Zocker im Nadelstreifen ja kein Risiko ein. Im Ernstfall hilft der von der Finanzwelt vor sich her getriebene Staat.

In diesem Umfeld hat auch die aktuelle Einlassung des Bundespräsidenten eher sozialromantische Züge. Europa müsse vereint gegen die Spekulanten vorgehen, fordert Köhler. Und: „Die Politik muss ihr Primat über die Finanzmärkte zurückgewinnen. Sie hat den Interessen der Finanzmarktakteure zu viel Raum ohne Regeln überlassen.“ Der Staat habe sich damit erpressbar gemacht. „So etwas darf sich nicht wiederholen“, wettert der Bundespräsident. Wie die Politik aus dem Teufelskreis ausbrechen soll, sagt Köhler freilich nicht. Das ist statt der beabsichtigten Philippika gegen die Profiteure eine in hehre Worte gekleidete Kapitulation vor den Finanzmärkten. Merke: Früher wurden Rettungspakete für Firmen geschnürt, später auch für Banken und jetzt für einen Staat. Die Liste der Opfer wird länger, weil die Politik auf internationaler Ebene nicht zur Schließung des Casinos in der Lage ist.

Quelle: op-online.de

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