Ratingagenturen

Kommentar: Schuss vor den Bug

Europas Banken leihen sich gegenseitig keinen Cent mehr, sondern bunkern ihr Geld bei der EZB. Internationale Anleger fliehen aus der Eurozone, verkaufen sogar ihre soliden deutschen Bundesanleihen, und schaffen ihr Geld in die (vermeintlich) sicheren Häfen USA und Japan. Von Georg Anastasiadis

Und die Chefin des Währungsausschusses des EU-Parlaments warnt vor einem Kollaps der Eurozone noch vor Weihnachten.

Und jetzt regen sich alle auf, weil die Ratingagentur S&P vor „systemischen Risiken“ für Anlagen in der Eurozone warnt und selbst Deutschland mit Abstufung droht? Mit Verlaub: Um das zu wissen, braucht es keine Ratingagentur. Dazu reicht die Lektüre der Tageszeitung.

Fakt ist: Die Vertrauenskrise hat sich von der Peripherie in den Kern des Währungsgebiets vorangefressen. Wenn sich aber alle misstrauen und keiner dem anderen mehr Geld leiht, weil er fürchtet, dass es morgen den Euro nicht mehr gibt, verschlechtern sich auch für stabile Gläubiger die Chancen, sich für wenig Zinsen Geld zu borgen. Darauf darf eine Ratingagentur hinweisen, wie es jetzt S&P getan hat. Verschwörungsszenarien klingen gut, führen aber in die Irre: Das des Währungskrieges gegen Europa bezichtigte Amerika würde von einem Euro-Kollaps unweigerlich selbst in den Abgrund gerissen. Schließlich stecken US-Anleiheversicherer mit hunderten Milliarden mit im Euro-Schlamassel.

Während ein EU-Krisengipfel den nächsten jagt, bleibt der Kern des Problems unlösbar: Die souveränen Schuldenkönige Japan und USA drucken schlicht Geld, wenn ihnen die Mittel ausgehen. Die (insgesamt weniger verschuldete) Eurozone aber kann das nicht, weil es für die sparsamen Länder Selbstmord wäre, für die Sünder einzuspringen, ohne kontrollieren zu können, wie die Schulden dort zustandekommen. Das hat nun auch Sarkozy zugegeben und sich so auf die Seite der Kanzlerin geschlagen, die manche gern zur Totengräberin Europas machen wollen – allen voran Altbundeskanzler Schmidt, der die Schulden einst hochgetrieben und Stabilitätskriterien für unnötig erklärt hatte.

Europa hat viel Zeit damit verplempert, planlos Schuldenlöcher zu stopfen, statt eben diese Kontrollmöglichkeiten zu schaffen, die Merkel und Sarkozy nun durchsetzen wollen. Vielleicht hilft der Schuss vor den Bug durch S&P ja, den Widerstand der Schuldensünder gegen ein strenges Euro-Aufsichtsregiment zu brechen. Merkel darf das Rating-Testat auch als Bestätigung ihrer Haltung sehen: Die Übernahme von noch mehr Haftungsrisiken, etwa durch Eurobonds, würde Deutschlands Kreditwürdigkeit vollends ruinieren.

Quelle: op-online.de

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