Rede von Erdogan

Störende Gräben

Das war völlig überflüssig: Der türkische Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan erweist den Integrationsbemühungen in Deutschland erneut einen Bärendienst. Seine Rede in Düsseldorf mit provokanten Bemerkungen („Niemand wird in der Lage sein, uns von unserer Kultur loszureißen“ und „Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst gut Türkisch lernen“) löste bei vielen deutschen Politikern die (berechtigten) bekannten Reflexe aus. Von Peter Schulte-Holtey

Warum setzt Erdogan dann immer wieder auf Konfrontation bei seinen Deutschland-Auftritten? Will er Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Öffentlichkeit in der Bundesrepublik denn nicht vom europäischen Engagement seines Landes überzeugen? Wenn es ihm tatsächlich um Integration ginge - wie er behauptet - müsste er seine Landsleute in unserem Land dann nicht vor allem ermutigen, ihre deutsche Lebenswirklichkeit ernster zu nehmen - sich besser anzupassen?

Antworten findet man im Dickicht der türkischen Innenpolitik. Seine Thesen sind Wahlkampf auf deutschem Boden; damit wirbt der Ministerpräsident, der eine neue Amtszeit anstrebt, vor der Parlamentswahl im Sommer bei seinen Landleuten für sich und seine religiös-konservative Partei AKP. Bei vielen türkischstämmigen Bürgern zwischen Flensburg und Berchtesgaden wird Erdogan aber auf Skepsis stoßen. Sie werden den Spagat des Premiers nicht verstehen; es ist auch gar nicht nachvollziehbar, warum er an die Integrationswilligkeit seiner Landsleute appelliert und sie zum Erlernen der deutschen Sprache ermuntert, zugleich am aber am Vorrang des Türkischen festhält.

Zudem sind die meisten Mitbürger mit türkischen Wurzeln weniger an türkisch-nationalen Thesen interessiert, sondern an einem beruflichen Erfolg und an einem erfüllten Leben in Deutschland. Sie wissen, dass sie mit Abgrenzung nicht weiterkommen - nur mit einem offenen Austausch und guten Miteinander. Neue Gräben, wie sie Erdogan aufwirft, sind da nur störend. Sein Appell ist ein schlechter Rat für die hier lebenden Türken. Es ist zudem wenig hilfreich für die Hoffnungen der Türkei, irgendwann der Europäischen Union beitreten zu können, wenn immer wieder Ressentiments geschürt werden.

@ peter.schulte-holtey@op-online.de

Quelle: op-online.de

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