Unruhen in Tunesien

Tiefe Spaltung

Manchmal wiederholt sich die Geschichte doch. 1984 ließ der Vater der tunesischen Unabhängigkeit, Habib Bourguiba, die „Brotunruhen“ blutig niederschlagen - über 80 Menschen starben. Von Detlev Sieloff

Wenig später verdrängte der damalige Premier Zine el Abidine Ben Ali den greisen tunesischen Staatspräsidenten aus dem Amt. Ein Vierteljahrhundert später ist es Ben Ali selbst, auf den sich der Zorn des Volkes richtet und der die Proteste mit brutaler Waffengewalt abzuwürgen versucht. Aber der Geist ist aus der Flasche und lässt sich nicht mehr so leicht einfangen. Die jahrzehntelange Hoffnungslosigkeit der Jugend angesichts hoher Arbeitslosigkeit und politischer Repression ist längst in ungezügelte Wut umgeschlagen.

Es ist kein Aufstand der hungrigen Unterschicht wie in Algerien, der sich auf den Straßen von Kasserine, Sidi Bouzid und jetzt auch Tunis Bahn bricht: Es sind Studenten und gut ausgebildete Akademiker, die keine Zukunft für sich sehen - nicht in der Heimat, aber auch nicht im Ausland. Die Wurzeln des Protestes liegen in der tiefen sozialen Spaltung des Landes. Denn von den wirtschaftlichen Erfolgen haben immer nur wenige Familienclans profitiert.

Die Folgen aber sind politisch höchst brisant. Präsident Ben Ali ist fundamentalistischen Bewegungen stets mit harter Hand begegnet. Sollte er nicht den Weg des Ausgleichs gehen, werden vermutlich immer mehr junge Menschen ihr Heil bei den Islamisten suchen.

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Quelle: op-online.de

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