Die Liste ist lang

Joe Bidens Vizepräsidentin - Welche Politikerin wird er an seine Seite holen? Mehrere Frauen haben gute Chancen

Joe Biden tritt als Donald Trumps Gegenkandidat bei der US-Präsidentschaftswahl im Herbst 2020 an. Eine Vizekandidatin muss er noch finden. Biden will auf jeden Fall eine Frau an seine Seite holen.

  • Im November 2020 wird Joe Biden als demokratischer Kandidat den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump bei der Wahl herausfordern.
  • Anders als Trump, der mit Mike Pence* ins Rennen gezogen ist, hat Biden noch keine Vizekandidatin bestimmt.
  • Er will auf jeden Fall zusammen mit einer Frau antreten. Auf welche Politikerin die Wahl fallen wird, ist noch unklar.

Washington - Bei der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl* treten die Kandidaten als Team mit ihrem Vize-Präsidentschaftskandidaten an. Joe Biden, der Kandidat der Demokraten, hat noch nicht verkündet, wer mit ihm antreten wird und bei einem Wahlsieg das Vize-Präsidentschaftsamt übernehmen wird. Sicher ist bisher nur, dass es eine Frau sein soll. In der ersten Augustwoche werde er eine Entscheidung treffen, erklärte Joe Biden am Dienstag.

US-Wahl 2020: Wer macht Joe Biden zur Vize-Kandidatin?

Auf wen seine Wahl fällt, dürfte nicht nur Einfluss auf Bidens Wahlchancen haben. Die Entscheidung ist auch wegen seines hohen Alters von großer Tragweite. 78 Jahre wäre Biden bei Amtseintritt alt. Daher wird erwartet, dass der Demokrat nur eine Amtszeit lang regieren würde, sofern er sich bei der Wahl am 3. November die Mehrheit sichern kann. Das US-Magazin The Atlantic beschrieb Bidens Vize als „potenzielle Präsidentin in Wartehaltung“.

Im Zuge der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt, die durch die Tötung des Schwarzen George Floyds* durch einen weißen Polizisten* angestoßen wurden, stieg der Druck auf Biden, eine nicht-weiße Kandidatin zu benennen. Auf wen die Wahl am Ende fällt, dürfte von mehreren Faktoren abhängen: Welche Verbindung haben Biden und Person X zueinander? Welche Gemeinsamkeiten können das Regieren erleichtern, welche Differenzen die Chancen auf einen Wahlsieg erhöhen? Mit welchen Positionen trifft die Kandidatin den Nerv der Bevölkerung?

Kamala Harris: US-Medien trauen ihr die besten Chancen zu, Bidens Vize zu werden

Kamala Harris hat nach Einschätzung mehrerer US-Medien die besten Chancen auf die Vizepräsidentschaftskandidatur. Die 55-Jährige wollte im November selbst gegen Trump antreten. Zu Beginn galt sie als chancenreiche Kandidaten, ihre Kampagne entpuppte sich aber als Enttäuschung. Harris ist die zweite schwarze Amerikanerin in der Geschichte, die in den US-Senat gewählt wurde. Sie vertritt dort Kalifornien. Ihre Beziehung zu Biden gilt als gut, auch wenn die beiden im Präsidentschaftsrennen einige Male aneinanderrasselten.

Kamala Harris wollte für die Demokraten bei der US-Wahl 2020 antreten.

Zum Verhängnis wurde Harris im Wahlkampf ihre Vergangenheit als Staatsanwältin und Justizministerin. Harris präsentierte sich als Verfechterin eines gerechteren Strafjustizsystems - Kritiker warfen ihr mit Blick auf Entscheidungen während ihrer Amtszeiten da Gegenteil vor. So soll Harris in mehreren Fällen dafür gesorgt haben, dass Fehlurteile trotz eindeutiger Beweise in Kraft blieben. Die Vorwürfe konnte sie nicht entschieden aus der Welt schaffen.

Zuletzt sandte Harris klare Botschaften: In der Corona-Krise weist sie immer wieder darauf hin, dass Minderheiten wie Afroamerikaner stärker von der Corona-Krise betroffen sind. Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz wirkte sie entscheidend an der Polizeireform der Demokraten im Kongress mit.

US-Wahl 2020: Elizabeth Warren - Wird sie Bidens Vize? Sie vertritt eine linke Agenda

Die Senatorin Elizabeht Warren konkurrierte ebenfalls mit Biden um die Präsidentschaftskandidatur und hatte über längere Zeit in nationalen Umfragen weit vorne gelegen. Im März stieg die ehemalige Professorin der Harvard Law School aus dem Rennen aus und sagte Biden einen Monat später ihre Unterstützung zu. Die 71-Jährige aus Massachusetts vertritt anders als Biden eine klar linke Agenda. Den Kampf um mehr Gerechtigkeit im Land nannte sie bei der Beendigung ihrer Kampagne den „Kampf meines Lebens“. Sie spricht sich für eine Reichensteuer und eine Krankenversicherung für alle aus.

Die klaren ideologischen Differenzen zwischen Biden und Warren könnten sich bei der Wahl auszahlen, um sich die Stimmen skeptischer junger Wähler des linken Flügels zu sichern. Gleichzeitig würde das Paar Gefahr laufen, moderate Wähler zu verprellen. Was zudem gegen Warren spricht: dass sie eine weiße Kandidatin ist und ebenfalls über 70. Es ist fraglich, ob Biden mit der Wahl Warrens das Zeichen setzen würde, das afroamerikanische Wähler von ihm erwarten, die ihm bei den Vorwahlen wichtige Stimmen geliefert haben. Zudem könnte es als Widerspruch zu seinem Anliegen wahrgenommen werden, strukturellen Rassismus überwinden zu wollen.

US-Wahl 2020: Tammy Duckworth - Wird Biden mit der erste thai-amerikanische Kongressabgeordneten als Vize antreten?

Der 52 Jahre alten Senatorin aus Illinois wurde Anfang Juli ein drastischer Vorwurf gemacht: Tammy Duckworth und andere ihrer Kollegen von den Demokraten hassten Amerika, sagte ein prominenter Fox-News-Moderator. Duckworth konterte auf Twitter: „Will Tucker Carlson eine Meile mit meinen Beinen laufen und mir dann sagen, ob ich Amerika liebe oder nicht?“ Die Veteranin verlor 2004 im Irak-Krieg ihre Beine, als der Black-Hawk-Helikopter, dessen Co-Pilotin sie war, von einer Panzerabwehrrakete getroffen wurde. Ihre persönliche Geschichte könnte im Wahlkampf Gewicht haben, schreibt die New York Times.

Duckworth setzt sich für Belange von Veteranen ein, ihr liegen die Themen Bildung und Gesundheitsfürsorge am Herzen. Sie war die erste Thai-Amerikanerin, die in den Kongress gewählt wurde, und die erste Senatorin, die im Amt ein Baby zur Welt brachte. Die New York Times und Washington Post verorten sie derzeit auf Platz drei hinter Warren.

Susan Rice: Die Afroamerikanerin ist eine Wegbegleiterin Barack Obamas

Susan Rice hat in den Spekulationen um Bidens Entscheidung zuletzt verstärkt Beachtung bekommen. Die 55-jährige Afroamerikanerin ist eine langjährige politische Wegbegleiterin von Barack Obama. Während seiner Präsidentschaft war sie von 2009 bis 2013 US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, anschließend wurde sie Nationale Sicherheitsberaterin im Weißen Haus. Rice und Biden arbeiteten eng zusammen. Ihre Regierungserfahrung und Expertise in der Außenpolitik spricht zusätzlich für Rice als Vizepräsidentschaftskandidatin.

Ins Amt der Außenministerin schaffte sie es nicht: Sie gab ihre Ambitionen nach massiver Kritik von Republikanern auf. Die Opposition hatte ihr vorgeworfen, nach einem Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi die Öffentlichkeit zunächst falsch informiert und den Terrorakt heruntergespielt zu haben. Damals waren vier US-Bürger, darunter der Botschafter in Libyen, ums Leben gekommen.

Mit Blick auf ihre Chancen auf die Vizepräsidentschaftskandidatur wird angeführt, dass Rice sich nie einer Wahl gestellt und keinerlei Wahlkampferfahrung hat. In der Debatte um Rassismus und Polizeigewalt äußerte Rice die Sorge, dass der bedeutsame Moment „verschwendet“ werden könnte. Es müsse mehr passieren, als die Flaggen der Konföderierten abzunehmen, umstrittene Denkmäler ins Museum zu stellen oder Football-Vereine umzubenennen, sagte sie der Washington Post. Die Ergebnisse der Debatte müssten deshalb über Symbolik hinausgehen. „Wir brauchen systematische Reformen, um systematischem Rassismus zu begegnen“, sagte sie - und äußerte ganz nebenbei auch Unterstützung für Bidens Wirtschafts- und Umweltprogramm.

US-Wahl 2020: Weitere Kandidatinnen, die an Joe Bidens Seite antreten könnten

Die Liste ist mit Harris, Warren, Duckworth und Rice nicht erschöpft. Chancen werden auch der Bürgermeisterin von Atlanta zugesprochen: Keisha Lance Bottoms (50) wurde mit dem Coronavirus infiziert, nachdem sie scharfe Kritik an den Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen durch Georgias Gouverneur Brian Kemp geübt hatte. Eine klare Position bezog sie auch während der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt, insbesondere nach dem Tod des Afroamerikaners Rayshard Brooks infolge eines Polizeieinsatzes.

Im Gespräch ist auch die Kongressabgeordnete Val Demings aus Florida - dem mit Abstand größten der „Swing States“, die für den Ausgang der Wahl als ausschlaggebend gelten, weil sie keiner Partei eindeutig zuzuordnen sind. Die 63-Jährige war die erste Frau an der Spitze der Polizeibehörde in Orlando. Viele sehen in ihrer Erfahrung in der Strafverfolgung einen Vorteil, andere äußern die Sorge, dass sie zu stark mit dem umstrittenen System verflochten ist. Demings war Teil des Anklage-Teams im Amtsenthebungsverfahren gegen Trump.

Als weitere Kandidatinnen sind die Gouverneurin des „Swing State“ Michigan, Gretchen Whitmer, die Gouverneurin von New Mexico, Michelle Lujan Grisham, oder die Vorsitzende des Congressional Black Caucus - einer Vereinigung afroamerikanischer Abgeordneter - Karen Bass im Gespräch. Biden könnte am Ende auch für eine Überraschung sorgen. Er verspricht nur so viel: „Meine Regierung wird wie Amerika aussehen.“ (lb mit dpa) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Afroamerikaner haben jetzt in einem offenen Brief Joe Biden aufgefordert, eine Schwarze als Stellvertreterin zu nominieren.

Rubriklistenbild: © MARK MAKELA/afp

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare