Westerwelle gibt Vorsitz ab

Viel zu lange gezögert

Es wäre zumindest den Versuch einer letzten Offensive wert gewesen. Von Manfred Brackelmann

Guido Westerwelle gibt den Vorsitz der FDP ab – ein nach seinen Worten gut überlegter Entschluss, verkündet in knappen Worten, immerhin zum selbst gewählten Zeitpunkt und der letztmaligen Hoheit über die Schlagzeilen, die er schon seit Tagen füllt, wenngleich unfreiwillig und weniger als Handelnder denn als Getriebener. Und doch war auch dieser kurze und dennoch nicht emotionslose Auftritt Westerwelles abermals geprägt von Ausflüchten. Nach zehn Jahren an der Spitze der Partei tritt er nach eigenem Bekunden nicht etwa einen Rückzug an, sondern macht den Weg frei für einen Generationswechsel – ohne ein Wort der Selbstkritik, ohne klaren Blick auf die bitteren Realitäten, die diesen Schritt unabwendbar machten.

Mit Westerwelle geht ein Vorsitzender, unter dem die FDP in ungeahnte Höhen gelangte – und unter dem sie jäh abstürzte. Ihm jubelten die Liberalen zu; ganz vorn auch einige jener, die sich heute ungeniert, doch leider nicht ohne Grund fragen, wie er den einstigen Höhenflug fertiggebracht hat mit dem gelebten Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ein Zug, der ihn auch mit fast realitätsferner Eitelkeit am Amt des Außenministers kleben lässt, obwohl er auch auf dem diplomatischen Auslandsparkett längst nicht den Erfolg vorweist und nicht die Achtung erfährt, die er für sich reklamiert.

Dennoch ist dieser Rückzug nicht ohne Tragik – auch weil Guido Westerwelle den richtigen Zeitpunkt so lange verpasst hat. Nur so letztlich war es möglich, dass sich die Zahl seiner Gegner zumal in der Zeit seiner Asien-Reise so schlagartig vermehrte. Nur so war es möglich, dass sie ihm reihenweise in den Rücken fielen. Dies auch, um von eigenen Schwächen abzulenken. Wie Fraktionschefin Birgit Homburger, die in der empörten Ablehnung der Rolle als Bauernopfer so viel Energie bewies wie nur selten zuvor. Und allein Westerwelles viel zu langes Zögern machte es auch möglich, dass sein Fell als Vorsitzender in seltener Schamlosigkeit vorab verteilt wurde – ohne dass auch nur einer der öffentlich gehandelten möglichen Nachfolger den Mut gehabt hätte, sich öffentlich zu erklären.

Einer von ihnen dürfte es dennoch werden – oder werden müssen. Und darin liegen die größten Risiken für die FDP in naher Zukunft. Keiner der Favoriten aus der jungen Garde, die sich in den vergangenen Tagen wohl weniger aus Rücksicht denn aus Angst vor der eigenen Courage zierten, hat die Erfahrung oder das Charisma, die Partei wirklich mitreißend in jenen Prozess zu führen, den sie durchleben muss, um zu überleben: Sie muss nicht weniger als sich selbst neu erfinden.

Diese FDP hat so viele Wähler verloren, weil sie zuvor sich selbst verloren hat; ihre zentralen Inhalte, ihr Profil und damit auch ein Stück ihrer Daseinsberechtigung. Es ist ein weiter Weg, der sie aus der personellen wie inhaltlichen Leere zurück zu einem berechtigten Machtanspruch führen könnte. Und wer immer sich traut, auf diesem Weg voranzugehen: Er (oder sie) wagt sich auf einen Schleudersitz.

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Quelle: op-online.de

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