Kommentar zu  der Lage in Ägypten

Kommentar: Ein wahrer Albtraum

Die Appelle aus dem Weißen Haus und diversen Machtzentren der EU an die Adresse des ägyptischen Präsidenten Mubarak, doch bitte den Willen des Volkes zu achten und statt geballter Polizeigewalt mehr Demokratie zu offerieren, klingen dünn und ratlos. Von Lorenz von Stackelberg

Schließlich waren es gerade die Demokratien des Westens, die das autokratische Regime als Stabilitätsfaktor an Israels Westgrenze und als Bollwerk gegen den Islamismus mit Milliarden gepäppelt haben. Jetzt stecken sie in der Glaubwürdigkeits-Falle.

Ob und wie schnell es zu einem Regimewechsel in Ägypten kommen wird, ist derzeit völlig offen – wegen der gut organisierten und brutal agierenden Sicherheitskräfte, des loyalen Militärs und einer Mubarak-hörigen Nomenklatura. Zwar gehen in zahlreichen Metropolen zehntausende Menschen auf die Straßen, doch verfügt das Land nicht über jene gebildete und enttäuschte Mittelklasse, die den Aufstand in Tunesien trug und Präsident Ben Ali hinwegfegte. Ägyptens großenteils junge und arme Bevölkerung kämpft weniger für Demokratie und Menschenrechte als ums tägliche Brot. Und ob der Ex-Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, El Baradei, das Zeug hat, den Protest zu bündeln und sich an die Spitze einer friedlichen Revolution zu setzen, ist zumindest fraglich: Mögliche Eigenschaften eines Volkstribuns hat der feingeistige Nobelpreisträger bisher gut verborgen.

Sicher ist jedenfalls, dass ein abruptes Ende des autokratischen Regimes in Kairo ohne demokratisch legitimierten Wechsel die Brandgefahr in der Region drastisch erhöhen würde. Im Machtvakuum könnte die Stunde der Muslimbrüder und sämtlicher bislang vom Geheimdienst in den Untergrund gezwungenen radikalen Kräfte schlagen und ein islamistisch dominiertes Regime an die Macht spülen, das Israel feindlich gesonnen ist und den Westen als Schuldigen an der ägyptischen Misere verteufelt. Für Amerikaner und Europäer, die jahrzehntelang in sträflicher Kurzsichtigkeit auf den vermeintlichen Stabilitätsanker Mubarak fixiert waren, ein wahrer Alptraum.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © op-online.de

Kommentare