Zu wenig Organspenden

Kommentar: Warteliste des Todes

Es geht um Trauer, Schmerzen, Leiden und in vielen Fällen um Leben oder Sterben. Es geht um schwerstkranke Menschen und um Organspender. Von Siegfried J. Michel

„Mit seinem Handeln bei der Organspende ist Frank-Walter Steinmeier ein Vorbild, wenn es darum geht, das Thema stärker in die Gesellschaft zu tragen“, hat ein tief berührter Gesundheitsminister Philipp Rösler über den SPD-Fraktionschef gesagt. Ja, das ist richtig, denn Steinmeier hat sich entschlossen, eine seiner Nieren seiner schwer erkrankten Ehefrau zu spenden. Zu hoffen ist, dass dieser Schritt des Politikers zu einem Weckruf wird, der ein Nachdenken und eine Debatte über das Thema Organspende auslöst - im ganzen Land.

Klar ist, die meisten Menschen beschäftigen sich nicht gerne mit ihrem Tod. Dies dürfte der Hauptgrund dafür sein, warum nur wenige Bürger einen Organspendeausweis unterschrieben haben und mit sich führen. Das Paradoxe: Umfragen zufolge wünschen sich aber fast alle Deutschen, bei einer schweren Erkrankung auf Herz oder Niere eines Spenders zurückgreifen zu können.

Wille des Verstorbenen zu Lebzeiten hat Vorrang

Derzeit warten in Deutschland etwa 12 000 Patienten auf ein Spenderorgan. Und jährlich müssen schätzungsweise 1 000 Menschen sterben, weil kein geeignetes Organ vorhanden ist. Somit stellt sich die Frage, ob das deutsche Transplantationsgesetz (TPG), das seit 1997 in Kraft ist, reformiert werden sollte.

Das TPG nämlich sieht eine „erweiterte Zustimmungslösung“ vor, wie sie auch in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern Gesetz ist: Der Wille des Verstorbenen zu Lebzeiten hat Vorrang. Hat derjenige also den Organspendeausweis, so ist alles ganz klar. Ist dieser Wille aber nicht dokumentiert oder bekannt, entscheiden die nächsten Angehörigen auf der Grundlage des „mutmaßlichen Willens“ des Verstorbenen. Eine gute Lösung ist das nicht.

Denn hat man sich zu Lebzeiten nicht für den Ausweis entschieden und zudem das Thema Organspende im Kreise der Verwandtschaft nie angesprochen, so setzt man die Angehörigen im Falle seines Todes einem ungeheuren Entscheidungsdruck aus. Man stelle sich vor, die 30-jährige Tochter ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, im Schockzustand und überwältigt von Trauer soll man dann in kürzester Zeit klar entscheiden, ob das eigene Kind es gewollt hätte, mit seinen Organen einem anderen Menschen zu helfen - oder nicht. Eine dramatische, schlimme Situation.

Tausende auf Warteliste des Todes

Gezeigt hat sich leider seit Jahren, dass die Appelle zur Organspendebereitschaft nicht auf fruchtbaren Boden fallen und Tausende somit Platz zu nehmen haben auf der Warteliste des Todes. Deshalb stellt sich die Frage, ob das Prinzip der „erweiterten Zustimmungslösung“ nicht ersetzt werden sollte durch die „Widerspruchsregelung“.

Diese bestimmt, dass ein Verstorbener jederzeit als Spender in Frage kommt, es sei denn, er hat zu Lebzeiten ausdrücklich einer Spende widersprochen. Praktiziert wird dies so übrigens in: Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn. Warum nicht bei uns?

Quelle: op-online.de

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