Interview mit Ursula Lehr übers Älterwerden

„Wer keine Aufgabe hat, gibt sich auf“

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Alles ist in Bewegung: Vor allem im Alter ist es sinnvoll, nach verbliebenen Möglichkeiten zu suchen und sie möglichst intensiv zu nutzen. - Foto: dpa Alles ist in Bewegung: Vor allem im Alter ist es sinnvoll, nach verbliebenen Möglichkeiten zu suchen und sie möglichst intensiv zu nutzen.

Offenbach - Deutschland altert. Und immer drängender stellt sich die Frage: Wie wollen wir in Würde im Ruhestand leben? Auch die kirchliche Initiative „Woche für das Leben“ nimmt dieses Thema in den Blick. Von Peter Schulte-Holtey 

Über die Zeit im Alter und die Konsequenzen für unsere Gesellschaft sprachen wir mit der früheren Bundesfamilienministerin und Alternsforscherin Ursula Lehr:.

Viele würden ja gern die Gesundheitsspanne beim Altern vergrößern. Haben Sie ein persönliches Geheimrezept?

Natürlich wollen wir alle möglichst gesund ein hohes Lebensalter erreichen. Dafür muss jeder Einzelne selbst auch etwas tun: Viktor von Weizsäcker hat einmal gesagt: „Gesundheit baut sich nicht einfach im Laufe des Lebens ab, aber Gesundheit ist nur dort vorhanden, wo sie jeden Tag neu erkämpft wird.“ Wir wissen, dass körperliche, geistige und auch soziale Aktivitäten sowie gesunde Ernährung zu einem gesunden Altern beitragen. Viele Studien beweisen: Funktionen, die nicht gebraucht werden, verkümmern. Der Volksmund sagt sehr anschaulich: Wer rastet, der rostet.

Der Mensch braucht halt eine Aufgabe ...

Ja! Er möchte etwas Sinnvolles tun, für andere da sein. Wer keine Aufgabe hat, der gibt sich auf. Würde hat etwas mit wertvoll zu tun. Natürlich hatten sehr alte Menschen früher einen größeren Seltenheitswert und wurden daher besonders geehrt und geachtet. Heute hingegen haben eher Kinder einen Seltenheitswert; alte, sehr alte Menschen gibt es immer mehr; selbst Hundertjährige sind so zahlreich, haben an Seltenheitswert verloren – aber sollen wir dieser Entwicklung nachtrauern? Freuen wir uns doch über die gewonnenen Jahre.

Ist es schwieriger geworden, in Deutschland in Würde zu altern?

Altern ist heute anders als früher, aber nicht unbedingt schwieriger als in Zeiten, in denen die medizinische Behandlung nicht so fortgeschritten war, in denen es viele Medikamente wie Insulin, Antibiotika noch nicht gab, in denen die Möglichkeiten der Chirurgie und Schmerzbekämpfung noch nicht so weit fortgeschritten waren, in denen das Wort „Palliativversorgung“ ein Fremdwort war. So gesehen ist Altern sogar leichter als früher. Und wurde das Alter früher wirklich als „würdiger“, „wertvoller“ gesehen? Wurden alte Menschen wirklich mehr „wertgeschätzt?“ Wenn man die alten Menschen „aufs Altenteil“ schickte? Oder – wenn Sie Märchen analysieren: die alte Großmutter, die der Wolf frisst; alte Frauen, die als bösartige Hexen dargestellt wurden, die einen vergifteten Apfel reichten, Räubergroßmütter.

Thema Gesundheit: Wenn es mit dem Informationsfluss zwischen den Arztpraxen, den Kliniken und den Pflegeheimen nicht klappt, sind mehrfach kranke, möglicherweise auch demente alte Menschen dem noch wehrloser ausgeliefert als alle anderen. Auch über Mängel bei der medizinischen Versorgung in Alten- und Pflegeheimen wird immer wieder diskutiert. Was läuft da falsch?

Sicher werden von manchen Ärzten hochaltrige multimorbide Menschen im Krankenhaus oft nicht optimal behandelt, Jüngere allerdings oft auch nicht. Und wenn mir vor 25 Jahren in den damals „neuen Ländern“ verschiedene Ärzte gesagt haben „Mit über 60 hat kaum einer Aussicht, eine Dialyse zu bekommen – wir haben nur ein einziges Gerät – und das brauchen wir für Jüngere!“, dann ist das schrecklich, würde ich aber nicht als fehlende „Würde“, fehlende Wertschätzung dem Alter gegenüber deuten. Was sicher verbessert werden muss, ist die ärztliche und fachärztliche Betreuung von Menschen, die im Heim leben und nicht mehr in der Lage sind, eine Arztpraxis aufzusuchen. Dies gilt insbesondere für Zahn-, Augen- und HNO-Ärzte sowie Neurologen und Psychiater. Die Nicht-Behandlung zum Beispiel eines alten, sehbeeinträchtigten Menschen hat gravierende Auswirkungen: Er kann nicht mehr lesen, fernsehen, ist aber auch stärker sturzgefährdet. So wird einerseits die Lebensqualität stark beeinträchtigt, andererseits kommt es durch einen Oberschenkelhalsbruch auch zu hohen Kosten. Grundsätzlich dürfen medizinische Behandlungen nicht vom Lebensalter beeinflusst werden, auch Rehabilitationsmaßnahmen nicht. Leider stimmt es, dass für einen bereits Pflegebedürftigen, vor allem für Menschen im Pflegeheim, nicht alle Rehabilitationsmaßnahmen ausgeschöpft werden – oft, weil geriatrisch nicht geschulte Ärzte die Wirksamkeit von Reha-Maßnahmen bezweifeln.

Blick aufs Renten- bzw. Sozialsystem: Besorgt wird immer wieder gefragt, ob künftig statt des Generationenvertrags ein Generationenkonflikt zu erwarten ist. Teilen Sie die Befürchtungen?

Einen Generationenkonflikt sollte man nicht herbeireden. Untersuchungen zeigen, dass heutzutage die familiären Bande zwischen drei oder vier Generationen enger und vertrauter sind als in früheren Zeiten; auch wenn diese nicht unter einem Dach leben. Außerdem fließen zurzeit noch mehr Sach- und Geldleistungen von den Alten zu den Jungen als von den Jungen zu den Alten. Sehr viele Ältere kümmern sich zum Beispiel um ihre Enkelkinder und ermöglichen es so ihren Kindern, berufstätig zu sein.

Aber die sich anbahnenden Probleme für die Rente sind doch unübersehbar, oder?

Natürlich ist die zukünftige Alterssicherung eine große Herausforderung; hier wird die Belastung für die Jungen zu groß, vor allem, wenn sie keine Chance haben, sich eine gesicherte Stellung zu erarbeiten. Wenn wir Altersarmut vermeiden wollen, müssen wir endlich die Flexibilität der Altersgrenze realisieren. Wir können doch nicht ein Viertel unseres Lebens „im Ruhestand“ verbringen. Heute gilt „Der Ruhestand ist nicht zum Ausruhen da!“ Wenn die Zeit der Berufstätigkeit vorbei ist, sollte der ältere Mensch für eine neue Aufgabe, eine neue Tätigkeit sorgen – im eigenen Interesse –, aber auch aus einem Sich-Verpflichtet-Fühlen gegenüber unserer Gesellschaft.

Noch eine Frage zur Religiosität im Alter: Professor Dr. Gerhard Wegner stellt in einem Beitrag zur „Woche für das Leben“ fest: „Die Frage ist, was tritt in dieser Lebensphase an die Stelle einer ausgeprägten Religiosität? Bleiben die Alten so religiös, wie sie bisher waren, oder tut sich hier eine neue Ebene säkularisierter Welterfahrung auf, die für Theologie und Christentum zu einer massiven Konkurrenz werden wird?“ Welchen Rat geben Sie den Kirchen, wie sollten sie reagieren?

Man trifft heute – meistens – vorwiegend ältere Menschen in den Gottesdiensten. Nicht etwa, weil das Alter religiöser macht, sondern weil die heutigen Seniorinnen und Senioren noch eine ganz andere religiöse Erziehung hatten, andere Sozialisationseinflüsse. Der Glaube an ein Weiterleben hilft sicher, vom Diesseits Abschied zu nehmen. Wobei das Abschiednehmen leichter fällt, wenn man das Gefühl hat, ein erfülltes Leben hinter sich zu haben. „Sterben lernen heißt leben lernen!“ Es steht mir nicht zu, den Kirchen einen Rat zu geben; doch das Bild eines barmherzigen, verstehenden und verzeihenden Gottes ist sicher hilfreicher als das eines nur richtenden, strafenden Gottes.

Quelle: op-online.de

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