Wenn die Zivi-Lücke kommt

Die Pläne zur Reform der Bundeswehr sorgen für große Verunsicherung: Bei Betreibern von Pflegeeinrichtungen und Sozialdiensten ebenso wie bei Bewerbern für den Zivildienst. Von Peter Schulte-Holtey

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg will die Wehrpflicht aussetzen, das hätte auch Folgen für den Zivildienst, befürchten Wohlfahrtsverbände. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder schlägt statt der Pflicht einen freiwilligen Zivildienst vor und will dafür rund 35.000 Frauen und Männer in Deutschland gewinnen. Doch wo sollen sie herkommen? Wir haben bei Sozialverbänden in der Region nachgefragt: Wie geht es weiter?

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:

Neue Wege gehen

Verbände alarmiert: Verzicht auf Zivis reißt Riesenlöcher

„Die Zivis fehlen uns dann natürlich, vor allem bei Aufgaben, wie Einkaufen, Spazieren gehen und einfache Pflege“, heißt es bei vielen Wohlfahrtsverbänden. Auch Dirk Hartmann, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Langen, ist fest davon überzeugt, dass große Lücken bei den sozialen Angeboten gerissen werden: „Die Auffassung der Zentralstelle der Kriegsdienstverweigerer, der Verzicht auf die ,Zwangszivis’ sei ,ohne soziale Katastrophen’ zu bewältigen, teile ich nicht.“

Josef Bonn, Personalleiter beim Deutschen Roten Kreuz in Offenbach, rechnet zwar nicht mit Einschränkungen der DRK-Angebote, sieht aber durchaus Probleme auf den Verband zukommen: „Das Freiwillige Soziale Jahr - FSJ - stellt hier grundsätzlich eine Alternative dar. Allerdings muss bei dieser Lösung bedacht werden, dass viele junge Leute das FSJ für die Zeit zwischen Schule und Studium wählen bzw. während sie auf einen Studienplatz warten.“

„Zivildienstleistende sind konkurrenzlos günstig.“

Rudi Schell, Sprecher für die Werkstätten Hainbachtal und den AWO-Kreisverband Offenbach-Stadt, warnt vor Service-Einschränkungen. Vor allem bedauert er, dass „beim Wegfall des Zivildienstes auch nicht mehr die Möglichkeit besteht, junge Leute im Umgang mit Senioren oder Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren und damit auch das Interesse an möglicher ehrenamtlicher Arbeit in diesem Bereichen schwinden wird“.

Bei der Behindertenhilfe in Stadt und Kreis Offenbach ist der Abschied von den Zivis schon eingeleitet worden. „Insbesondere in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung, wo zunächst erst eine vertrauensvolle berufliche Beziehung aufgebaut werden muss, setzen wir bereits jetzt verstärkt auf den Einsatz von Freiwilligen im Sozialen Jahr, da diese schlichtweg über einen längeren Zeitraum zur Verfügung stehen“, berichtet Behindertenhilfe-Leiterin Ingrid Schmalhorst-Behrendt. Sie räumt aber ein: „Schmerzlich wirkt sich dieser Wandel allerdings auf die Kosten aus. Zivildienstleistende sind für die Dienste einfach konkurrenzlos günstig.“

Dienste werden vielfach ersatzlos wegfallen

Dass der Verzicht auf Zivis auch finanzielle Probleme nach sich ziehen kann, wenn man im Gegenzug Aushilfen einstellen muss, wird von mehreren Experten angesprochen. Dirk Hartmann von der AWO-Langen meint: „Es sind die vielen kleinen Katastrophen, die sich dann bei den Leuten abspielen, die auf die Dienstleistungen - z. B. aus dem Mobilen Sozialen Hilfsdienst - angewiesen sind, den tausende von Zivis zu Minipreisen verrichten.

Diese Dienste werden vielfach ersatzlos wegfallen oder zu üblichen und damit unbezahlbaren Marktpreisen angeboten werden. Diese kleinen Katastrophen werden kaum öffentliche Beachtung finden, da diese Menschen ohnehin keine nennenswerte Lobby haben.“ Hartmann befürchtet auch die Zunahme von Lohndumping: „Schon heute arbeiten scheinbar viele soziale Einrichtungen mit geringfügig Beschäftigten in Kombination mit einer ehrenamtlichen Aufwandsentschädigung, um sich finanziell über Wasser zu halten, bzw. die Unterfinanzierung in vielen sozialen Bereichen auszugleichen.

„Verschärfung des Lohnniveaus zu befürchten“

Diese Miniverdiener sind traurigerweise oft selbst noch auf ein Zubrot des Staates angewiesen, um überhaupt leben zu können.“ Die Sorgen werden von Jens Ahäuser, Experte bei der Gewerkschaft Verdi, geteilt: „Im Bereich der einfachen Fahrdienste ist eine Verschärfung des ohnehin kaum zu ertragenden Lohnniveaus zu befürchten. Stundenlöhne von sechs Euro sind ja keine Seltenheit. Im Altenpflebereich wird die Diskussion aufkommen, ob Tätigkeiten von Zivis unter die Bedingungen des Mindestlohnes fallen.“

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare