Mit Kraftgels zum Klassenerhalt?

Darmstadt 98 und sein Teamarzt Klaus Pöttgen

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Darmstadts Mannschaftsarzt Klaus Pöttgen

Darmstadt - Mit seinen teils ungewöhnlichen Methoden sorgt der Darmstädter Mannschaftsarzt Klaus Pöttgen für Aufsehen. Die Fitness und die geringen Verletzungszeiten beim Bundesliga-Aufsteiger geben ihm recht.

Er hat den Spielern Kompressionsstrümpfe verpasst und die Bananen aus der Kabine verbannt. Er weiß genau, wo ein Akteur wie viel Muskelmasse hat, und wenn der Spieler anfängt, Muskeln in Fett umzuwandeln, merkt er das oft als erster. Klaus Pöttgen ist Internist und hat als Mannschaftsarzt des SV Darmstadt 98 großen Anteil an der Fitness des Aufsteigers - jener Fitness, mit der die „Lilien“ technisch besseren Teams oft Paroli geboten haben und die zum Trumpf im Kampf um den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga werden könnte. Pöttgen kommt vom Triathlon, nahm siebenmal am Ironman auf Hawaii teil und war von 2002 bis 2014 medizinischer Leiter des Ironman Germany in Frankfurt. In der Spielzeit 2010/11 holte ihn der damalige Trainer Kosta Runjaic zum SV Darmstadt 98 in die 4. Liga. Einige der Erkenntnis vom Triathlon setzte Pöttgen sofort um. Fortan mussten die Spieler zur Regeneration nach dem Spiel und auch im Training Kompressionssocken tragen.

Zudem sorgte er dafür, dass Obstkörbe und Kuchenplatten aus der Kabine verschwanden. „Bananen und Kuchen kann man schon essen. Aber nicht vor dem Spiel und schon gar nicht in der Halbzeitpause. Das belastet den Magen-Darm-Trakt und ist nicht das Richtige, um danach seine volle Leistungsfähigkeit abzurufen.“ Stattdessen bekommen die Spieler Gels und Eiweißriegel. Solche Praktiken gibt es noch nicht überall im Profifußball. Bei Auswärtsspielen finde er ständig Obst und in den Kabinen. „Die Gastgeber meinen das natürlich gut mit uns. Aber man muss gucken, dass man das schnell genug wegschafft“, sagt er. Tatkräftige Unterstützung erhält Pöttgen dabei von Dirk Schuster. „Der Trainer räumt die Sachen oft schon weg, bevor ich das tun kann.“ Für die Zusammenarbeit mit Schuster findet Pöttgen nur lobende Worte: „Dirk Schuster ist jemand, der sehr offen ist für solche Themen, der zuhört und die Dinge annimmt. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Trainer für die Ärzte so viel Gehör hat, wie bei uns“, sagt er.

Dass andere Bundesligavereine mehr Geld und Personal für die medizinische Abteilung haben, stört Pöttgen nicht: „Letztlich sorgt mehr Personal zwar für eine Arbeitserleichterung und Zeitersparnis, hat aber nicht zwangsläufig mit der Qualität der Betreuung zu tun.“ Laut der Internetseite fussballverletzungen.com haben die Südhessen die mit Abstand kürzesten Ausfallzeiten bei Muskelverletzungen. „Da ist vor allem die Arbeit des Trainerteams entscheidend. Man kriegt jeden Muskel kaputt, wenn man ihn falsch oder zu viel belastet“, sagt Pöttgen. Er und sein Team beraten die Spieler bei der Ernährung und kontrollieren mit Körperanalysen Fitness und Ernährungszustand. „Ich weiß genau, wo ein Spieler wie viel Muskelmasse hat“, sagt er. Wenn ein Spieler dann bei gleichem Gewicht Muskelmasse ab- und Fettmasse aufbaue, könne man mit ihm gezielt etwas dagegen unternehmen. Sorge, dass dem lauf- und kampfstarken Team im Saison-Endspurt die Luft ausgehen könnte, hat Pöttgen nicht. „Das wurde schon in der 3. Liga und in der 2. Liga immer wieder gefragt. Aber am Ende hat es immer gereicht“, sagt er.

Lilien-Zeugnis gegen Schalke 04

Dass der Fitness auch im Fußball mit Doping nachgeholfen wird, schließt der Mediziner nicht aus. „Sie können in jeder Sportart durch die Anwendung unerlaubter Substanzen eine Leistungssteigerung erzeugen“, sagt er. Allerdings werde im Fußball mittlerweile sehr häufig kontrolliert. „Heute ist das Risiko, erwischt zu werden, extrem hoch. Ich denke, das ist inzwischen ein gutes System.“ Wenn man heute von Doping im Fußball höre, handele es sich seiner Ansicht nach meist um „unglückliche Fälle, bei denen die Substanzen nicht bewusst eingenommen wurden“, erklärt er. Um das in Darmstadt zu verhindern, nimmt er auch die Spieler in die Pflicht. Nahrungsergänzungsmittel, die nicht vom Verein kommen, müssen ihm von den Spielern gezeigt werden. Um die versehentliche Einnahme verbotener Medikamente zu verhindern, seien die Spieler angehalten, auf ihren Handys die App der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) zu haben. Es spiele dann keine Rolle mehr, ob sie ein Medikament selbst kauften, irgendwo verordnet oder von der Oma in die Hand gedrückt bekämen. „Sie können, nein müssen sogar prüfen, ob sie es einnehmen dürfen“, sagt Pöttgen.

dpa

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