Niederlage gegen Bern

Packung gegen Bern - Rebics Auftreten wirft Fragen auf

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Ante Rebic wirkte diesmal, anders wie hier im Mai, eher desinteressiert.

Eintracht Frankfurt wird sich nach der Pleite gegen Bern gewaltig und schnell steigern müssen.

Der Frankfurter Fußballlehrer Adi Hütter wirkt stets besonnen und ausgleichend, als sei er der fleischgewordene Ruhepol. Okay, einmal, gegen Inter, hat er eine Wasserpulle mit einem saftigen Vollspannkick weggetreten, weshalb er gleich auf die Tribüne verbannt und sogar fürs Rückspiel gesperrt wurde, aber ansonsten hat er sich im Griff, der nette Herr Hütter. Der Vorarlberger, man ahnt es, kann aber auch anders. Wenn dem Eintracht-Trainer etwas gegen den Strich geht, hat er Mühe, die Contenance zu bewahren. Am Mittwoch, in der Halbzeit der Partie gegen Young Boys Bern, eilte der 49-Jährige in die Kabine, um seinen Spielern ein paar geharnischte Worte mit auf den Weg zu gegeben. „Die Ansprache war deutlich“, sagt der alte Haudegen Marco Russ, ohne ins Detail zu gehen. „Sie war halt so, wie sie sein muss, wenn man so auftritt wie wir aufgetreten sind.“ Zur Halbzeit stand es 0:2. Am Ende 1:5.

Und doch war Adi Hütter anschließend nicht in der Kabine, hat sein Team nicht mehr behelligt. „Man muss auch die Ruhe und die Souveränität haben, mal runterschlucken zu können.“ Pause, Nachsatz: „Vielleicht war das zum richtigen Zeitpunkt ein Schuss vor den Bug.“

Fredi Bobic fordert Konkurrenzfähigkeit in der Bundesliga

Die Leistung gegen den Schweizer Meister war bemerkenswert dürftig, gerade im ersten Abschnitt stand eine Mannschaft auf dem Feld, die so ziemlich das Gegenteil von dem war, was Fredi Bobic erst vor wenigen Tagen als oberste Maxime ausgab: „Konkurrenzfähigkeit steht über allem.“ Der Sportvorstand hat das, natürlich, auf das Kerngeschäft, die Bundesliga, bezogen.

Diese „unangenehme, auch in der Höhe verdiente Niederlage“ (Hütter) lässt in Frankfurt noch nicht die Alarmglocken schrillen, das wäre übertrieben. Es gibt ein paar Erklärungsansätze: Erst seit einer guten Woche ist das Team beisammen und im Training, am Sonntag erst sind die Nationalspieler dazu gestoßen. Da kann noch nicht alles funktionieren, da kann der Fitnesszustand noch nicht so ein, wie er sein müsste, um erfolgreich Fußball spielen zu können. „Man hat gesehen, dass wir noch nicht in der Verfassung sind, um mitzuhalten“, sagt Routinier Russ, der den laschen Auftritt nicht überwerten will und sogar einen Vergleich mit dem vorherigen Jahr und dem peinlichen Pokal-Aus beim Viertligisten Ulm zieht: „Danach waren wir Abstiegskandidat Nummer eins und der Trainer galt als der erste, der fliegen würde – ein paar Monate später wurden wir dann als Superstars gefeiert.“ So sei das im Fußballleben, immer zwischen den Extremen.

Adi Hütter führt fehlende Dynamik an

Young Boys Bern, Hütters Ex-Klub, beginnt bereits in acht Tagen mit der Saison, ist schon zwei Wochen weiter als die Eintracht. „Das heißt, sie haben viel mehr Einheiten hinter sich, haben eine andere Spritzigkeit. Deshalb waren sie in allen Belangen besser“, analysiert Coach Hütter. „Wenn ich meine Spieler aus der vergangenen Saison sehe und sie mit jetzt vergleiche, dann ist klar, dass die Spritzigkeit und die letzte Dynamik fehlt. Die können sie nach acht Tagen aber nicht haben.“

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Das ist alles richtig, und Testspiele sind in der Regel ohnehin ein Muster ohne Wert, aber auf die leichte Schulter sollte die Sportliche Leitung diese deftige Packung auch nicht nehmen, sie sollte sie vielmehr als Warnung begreifen. „Wir müssen uns alles neu erarbeiten und dürfen uns nicht auf der letzten Saison ausruhen“, sagt ein alarmierter Neuzugang Dominik Kohr, der in der zurückliegenden Spielzeit noch gar nicht dabei war.

Ein paar Rückschlüsse lassen sich sehr wohl ziehen. Torwart Frederik Rönnow etwa wirkt nach wie vor nicht sicher und souverän, schwer vorstellbar, dass die Eintracht mit dem Dänen als Nummer eins in die Bundesligasaison gehen würde, was sie aber eher nicht muss, die Rückkehr von Kevin Trapp wird sich gewiss realisieren lassen. Timothy Chandler wird noch ein bisschen Zeit brauchen, Routinier Russ muss sich strecken, der Brasilianer Tuta ist überfordert. Marc Stendera bemüht sich, kann aber das Spiel nicht steuern und soll den Klub ohnehin verlassen.

Ante Rebic wirkt desinteressiert, fast schon lustlos

Was wirklich bedenklich ist, ist das Auftreten von Ante Rebic und auch Mijat Gacinovic. Gerade Rebic, der den Klub gerne verlassen würde, macht da weiter, wo er in der vergangenen Runde aufgehört hat, er wirkt desinteressiert, aufreizend lässig, fast schon lustlos. Das ist eine Entwicklung, die durchaus Gefahren birgt, da muss man aufpassen, dass andere von diesem Verhalten nicht runtergezogen werden. Trainer Hütter will das nicht kommentieren: „In der ersten Halbzeit ist keiner an seine Leistungsgrenze gekommen. Auf einzelne Spieler möchte ich mich daher nicht versteifen.“

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Ungewohnt ist allemal das Bild, das Mijat Gacinovic abgibt. Das Spiel des Serben ist seit jeher fehlerbehaftet, aber auch immer mit Herz; noch nie hat man ihn jedoch so oft abwinken, zaudern oder stehen bleiben sehen wie am Mittwoch und auch zuvor im Training. Er wirkt seltsam gehemmt, teilnahmslos und niedergeschlagen.

Europa League Spiele stehen an

Auf Trainer Hütter wartet noch eine Menge Arbeit, das weiß er. „Wir werden aber die Ruhe behalten und das richtig einordnen. Am 25. Juli werden wir gemessen.“ Dann steht das erste Qualifikationsspiel zur Europa League an. Am Donnerstagabend besiegte überraschend der estnische Vertreter Flora Talinn die Serben von Radnicki Nis im Hinspiel 2:0. Nächste Woche Donnerstag entscheidet sich in der drittgrößten Stadt Serbiens wer der Gegner der Eintracht in der zweiten Qualifikationsrunde wird. „Dann werden wir fit und bereit sein“, kündigt Marco Russ an. Zumindest die zweite Hälfte gegen Bern hat Trainer Hütter in Ansätzen gefallen, obwohl das Team da sogar drei Gegentore schlucken musste. „Von der Struktur und dem Spiel nach vorne war es aber deutlich besser“, urteilt er und liegt damit richtig.

Gerade der junge Stürmer Dejan Joveljic, 19, hat sein Potenzial angedeutet, er war immer dabei, wenn es gefährlich wurde, setzte einmal zu einem gekonnten Fallrückzieher an und machte das einzige Frankfurter Tor – auf Zuspiel des Japaners Daichi Kamda, der einen hervorragenden Eindruck hinterlässt. Sollte der aus Belgien zurückgekehrte 22-Jährige diesen Aufwärtstrend bestätigen, ist er eine echte Alternative, selbst wenn die Bundesliga natürlich noch mal eine andere Hausnummer ist. Trotzdem: Im Vergleich zu vielen anderen ist er präsent und hat sogar mal einige zündende Ideen. Im Eintracht-Spiel zurzeit eine Seltenheit.

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