Neustart

Bei der Eintracht knirscht es an allen Ecken - Adi Hütter unter Zugzwang

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Mijat Gacinovic von Eintracht Frankfurt im Zweikampf mit Tobias Strobl von Borussia Mönchengladbach.

Welche Schlüsse die in Schieflage geratene Frankfurter Eintracht aus dem misslichen Neustart nach der Corona-Pause ziehen sollte.

  • Eintracht Frankfurt: Der Wiedereinstieg in die Bundesliga ist misslungen
  • Trainer Adi Hütter sollte jetzt die richtigen Schlüsse daraus ziehen
  • Hütter hält stur an seinem System fest, dabei gäbe es auch andere Optionen

Nach nur wenigen Spielminuten ging der selbsternannte Schöngeist Stefan Ilsanker gleich mal mit so viel Verve in einen Zweikampf, dass die wenigen Reporter auf der Tribüne in Frankfurt zusammenzuckten – durch das leere Stadion war der Tritt gegen das Bein von Breel Embolo und der folgende Aufschrei bis nach ganz oben zu hören. So ähnlich ging es weiter, der Eintracht-Abräumer ist ja bekannt dafür, ohne Furcht in die Zweikämpfe zu fegen, nach 70 Minuten und einem derben Tritt gegen das linke Bein von Jonas Hofmann sah der Österreicher Gelb, vier Minuten später holte ihn Trainer Adi Hütter vom Platz. Da stand es 0:3. Ilsankers Leistung war bis dahin denkbar schlecht.

SGE-Trainer Adi Hütter ist dazu übergegangen, seine Mannschaft mit rustikalen Spielern zu bestücken

Es ist nun nicht so, dass der 31-Jährige nicht befähigt wäre, in der Bundesliga mitzuhalten oder einer Mannschaft zu helfen, er hat 84 Erstligapartien auf dem Buckel, in der Champions League seinen Mann gestanden, sein Kampfgeist und Willen sind unbestritten, auch seine Fähigkeit, eine Mannschaft anzutreiben und zu pushen. Sehr viel besser wäre es aber, der Salzburger wäre in ein Team eingebettet, in dem er seine Tugenden als Ergänzung zu anderen Eigenschaften seiner Mitspieler zur Geltung bringen könnte, also an der Seite von Akteuren, die eher über die fußballerische Schiene kommen. Von denen gibt es im Eintracht-Ensemble deutlich zu wenige.

Trainer Adi Hütter, eigentlich ein Offensivliebhaber, ist im Laufe der Zeit dazu übergegangen, seine Mannschaft mit Spielern zu bestücken, die eher über die rustikale, hemdsärmlige Schiene kommen. Kann man machen, wenn man damit erfolgreich ist, problematisch wird es, wenn trotz insgesamt acht defensiver Akteure keine Raumverdichtung und Engmaschigkeit, sondern Tag der offenen Tür herrscht und Kevin Trapp in einer Schießbude der Liga steht. 13 Gegentore in den zurückliegenden vier Bundesligapartien sprechen eine klare Sprache. Die durch die winterliche Systemumstellung erreichte Kompaktheit ist längst wieder flöten gegangen und hat sich ins Gegenteil verkehrt.

Eintracht Frankfurt: Hütter hält auffälligerweise sehr lange an einzelnen Spielern fest

Vielleicht wäre es angezeigt, Profis aufzubieten, die über die fußballerische Komponente kommen. Viele Experten sind sich einig, dass spielstarke Teams in der skurrilen Geisterspielatmosphäre einen Vorteil haben. Das glaubt auch Eintracht-Verteidiger Martin Hinteregger. „Es fühlt sich für jeden ein bisschen wie ein Trainingsspiel an, indem mehr riskiert wird. Wenn mal ein Fehler passiert, spürt man nicht so den Druck vom Publikum. So kommt das Spiel eher den spielerischen Mannschaften entgegen.“

Coach Hütter hält zudem auffälligerweise sehr lange an einzelnen Spielern fest, neben Ilsanker gehören auch Djibril Sow, Almamy Touré, Evan Ndicka oder Daichi Kamada zu den Akteuren, die sehr viel häufiger auflaufen als andere. Das wäre kein Problem, wenn der Gegenwert, also die Leistung stimmen würde, niemand beschwert sich, dass der über jeden Zweifel erhabene Linksaußen Filip Kostic immer spielt.

Eintracht Frankfurt: Es geht auch um Glaubwürdigkeit

Der Fußballlehrer schenkt Vertrauen, aber erhält es nicht zurück, was natürlich keine böse Absicht der Auserkorenen ist, sondern mit der Formkurve und dem grundsätzlichen Niveau der Spieler zu tun hat. Adi Hütter wäre gut beraten, den Konkurrenzkampf nicht nur verbal zu schüren, sondern ihn mit Leben zu füllen. Vor der Gladbach-Partie hatte der 50-Jährige mit der Aussage aufhorchen lassen, dass sich herauskristallisieren werde, „dass Spieler in Rollen schlüpfen werden, in der wir sie nicht erwartet hätten.“ Am Spieltag beließ er dann fast alles wie es vorher war. Da geht es dann natürlich auch um Glaubwürdigkeit.

Außer Frage steht, dass der Trainer versucht, die schlagkräftigste Formation aufs Feld zu schicken. Doch oftmals sind die Fußballlehrer gedanklich festgefahren, halten an Spielern oder Systemen fest, weil sie der festen Überzeugung sind, das Beste zu tun. In der Beinahe-Abstiegssaison 2015/16 weigerte sich der damalige Trainer Armin Veh strikt, sein Personal den Gegebenheiten anzupassen, weil er sich ganz sicher war, die besten Spieler zu nominieren und keinen Sinn darin erkennen konnte, einen qualitativ niederwertigeren Akteur aufzustellen. Manchmal passen aber andere Konstellationen besser zu besonderen Situationen.

Diese Mannschaft von Eintracht Frankfurt ist deutlich schwächer als die vorherige

Oder aber der Kader gibt schlichtweg nicht mehr her. Das ist im Frankfurter Fall nicht so. Klar, die Mannschaft ist nicht annähernd so stark wie die aus dem Vorjahr, was in erster Linie mit dem Weggang der drei Topstürmer Ante Rebic, Luka Jovic und Sebastien Haller zusammenhängt. Und die Transferpolitik, auf die Kaderplaner Ben Manga dieses Mal weniger Einfluss hatte als in den Jahren zuvor, war alles andere als optimal. Für viel Geld sind viele Mitläufer gekauft worden,einen Rohdiamanten wie den Gladbacher Marcus Thuram ließ man hingegen von der Angel. Vor allem aber ist Wucht, Draufgängertum und Schnelligkeit verloren gegangen; Pressing, Attackieren, Jagen, Anlaufen – findet quasi nicht mehr statt. Früher war es unangenehm, ja eklig, gegen die Eintracht zu spielen, heute ist das gerade für die Spitzenteams eher ein Spaziergang.

Und doch müsste die generelle Qualität ausreichen, um zumindest einen halbwegs gesicherten Mittelfeldplatz zu erreichen. Das Team hat schon gezeigt, dass es sich zu einzelnen Highlights aufraffen kann, zumeist allerdings mit der bedingungslosen Unterstützung der Fans im Rücken. Die fällt jetzt weg. Und natürlich strotzt das Ensemble nicht mehr vor Selbstvertrauen, und auf den Spielern, die lange nicht aufliefen und nun womöglich eine Chance bekommen, lastet Druck, weil sie wissen, dass sie sich viele Fehltritte oder eine lange Anlaufphase nicht erlauben können.

Jetzt muss Eintracht Frankfurt bei Bayern München ran

Vielleicht sollte Adi Hütter auch ernsthaft überlegen, zur Dreierkette mit Makoto Hasebe als deren Kopf zurückkehren. Für Linksaußen Filip Kostic etwa wäre eine leicht defensivere Lesart seiner Position, in der er mit Anlauf kommen könnte, kein Problem. Und immerhin war die Eintracht in dieser Konstellation fast dreieinhalb Jahre erfolgreich.

Am Samstag gilt es für Eintracht Frankfurt aber erst einmal, das Spiel bei den Bayern halbwegs unbeschadet zu überstehen – auf die taktische Ausrichtung wird es da eher weniger ankommen.

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