Torjäger der ID-Mannschaft des VfB Offenbach

Sofian Ganouf ist dribbelstark wie Neymar

Hat gut lachen: Sofian Ganouf gewann mit der ID-Mannschaft des VfB Offenbach den Hallencup und Hessenpokal. Jetzt fiebert der 21-Jährige seiner Premiere im Nationaltrikot entgegen. -   Foto: p
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Hat gut lachen: Sofian Ganouf gewann mit der ID-Mannschaft des VfB Offenbach den Hallencup und Hessenpokal. Jetzt fiebert der 21-Jährige seiner Premiere im Nationaltrikot entgegen.

Offenbach - Nach der Fußball-WM ist vor der Fußball-WM. Mit dem Zusatz ID, für Intellektuelle Defizite. Sofian Ganouf ist bei den Titelkämpfen im August in Schweden dabei – als erster Nationalspieler des VfB Offenbach. Von Jörn Polzin

Bei der Weltmeisterschaft in Russland drückte er seinem Heimatland Marokko die Daumen. Im Vereinsfußball fiebert er mit Paris Saint-Germain, weil dort sein Vorbild spielt: Neymar. „Ich bin wie er, schnell, dribbelstark und falle ziemlich schnell hin“, erzählt Sofian Ganouf und ergänzt schmunzelnd: „Bei mir sind es aber nie Schwalben.“ Und noch eine Parallele gibt es zwischen dem 21-Jährigen und dem 222-Millionen-Brasilianer: Wenn Ganouf den Ball bekommt, ist er schon mal zu eigensinnig und übersieht seine Mitspieler. Das Manko ist ihm bekannt, der Grund ebenfalls. „Ich mache zuviel alleine, das liegt an meinem großen Ehrgeiz.“

Sucht stets den direkten Weg zum Tor: Sofian Ganouf (links) im jüngsten Testspiel gegen den Gruppenligisten FV Hausen.

Ganouf, in Deutschland geborener Sohn marokkanischer Eltern, läuft für die ID-Mannschaft des VfB Offenbach auf. Maßgebend dabei ist ein Intelligenzquotient unter 75. „Häufig sind es Lern- oder Rechtschreibschwächen. Einige kommen auch aus sozial schwierigen Verhältnissen“, erzählt VfB-Trainer Christoph Hebler, der das ID-Team 2014 übernahm.

Diesem angehängt ist eine Inklusions-Mannschaft, in der behinderte mit nichtbehinderten Kickern auf Torejagd gehen. Zusammen umfasst der Kader etwa 30 Spieler. Wichtig: Ausgegrenzt werden soll keiner, wobei es eine Einschränkung gibt, die laut Hebler dem Grundgedanken der Inklusion widerspricht: ID-Auswahlspieler dürfen nicht für die Inklusionself auflaufen.

Sofian Ganouf ist einer von ihnen. Vor der Saison kam er mit einigen Teamkollegen vom letztjährigen Meister Rot-Weiß Frankfurt zum VfB. „Unser damaliger Trainer ist weggegangen, mit dem ich mich gut verstanden habe. Ich wollte dann zu einem schwächeren Team wechseln und dort helfen“, erzählt er.

Und das fand er in Offenbach vor. In der vergangenen Hessenliga-Runde war der VfB so etwas wie die Schießbude der Liga. „Da haben wir noch richtig Prügel bezogen“, erinnert sich Hebler. Dies änderte sich in dieser Saison. Der VfB gewann den Hallencup, holte den Hessenpokal und liegt zwei Spieltage vor Schluss mit 16 Punkten an der Hessenliga-Spitze vor Groß-Gerau (14).

Großen Anteil daran hat Ganouf. „Er verfügt über eine hohe Spielintelligenz, stellt seine Gegner in den Schatten und ist unheimlich fleißig“, lobt sein Trainer. Die Emotionen, die ihm im Alltag manchmal durchgehen, hat Ganouf auf dem Platz deutlich besser im Griff. „Da ist er fast ein anderer Mensch“, betont Hebler. Generell erfordere die Trainingsarbeit mit ID-Sportlern viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Neben dem dreiköpfigen Trainergespann (Hebler wird von Klaus Weiland und Daniel Mader assistiert) sowie Teammanager Ronald Preuss hilft Fitnesstrainerin Simone Steller. „Viele Spieler bringen technisch einiges mit, aber man muss ihnen alles immer und immer wieder erklären“, sagt Hebler.

Leistungsträger wie Ganouf gleichen die Defizite mit Schnelligkeit und einer hohen Spielintelligenz aus. Das ist auch Michael Trippel, Fußball-Chef beim Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband (HBRS), nicht entgangen. Mit der Hessenauswahl belegte Ganouf zuletzt den zweiten Platz bei den deutschen Meisterschaften hinter Dauergewinner Nordrhein-Westfalen. „Sofian ist ein Fußballverrückter im positiven Sinne, ein richtiger Stürmer, der immer den direkten Weg zum Tor sucht. Er ist kopfballstark, hat eine gute Technik und absoluten Siegeswillen“, lobt Trippel.

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VFB Offenbach gegen Wiking Offenbach
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Diesen will Ganouf nun auch bei seiner Premiere im Nationaltrikot einbringen. Am 3. August beginnt die Weltmeisterschaft in Schweden. Ein Neustart für alle, denn bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich belegte das DBS-Team den letzten Platz und löste erst im Nachrückverfahren sein WM-Ticket. Dort trifft die Mannschaft in der Vorrunde auf Gastgeber Schweden, Frankreich und Südafrika. „Ich bin glücklich, dabei zu sein, und werde topfit in die Spiele gehen“, versichert Ganouf, den aber eine Sorge umtreibt. Stand jetzt, würde er wegen der WM den vorletzten Spieltag in der Hessenliga am 18. August verpassen. Hebler bemüht sich um eine Verlegung. „Das wäre sonst blöd, ich will das Team zusammenhalten“, betont Ganouf. Sein nächstes Ziel: Der Sprung in die Verbandsliga im Regelbetrieb. Ein Angebot für ein Probetraining liegt ihm vor. „Das traue ich mir zu. Ich muss nur noch körperlich etwas zulegen.“ Dann fällt es sich auch nicht mehr so leicht.

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