Amateurfußball

Ehemaliger Schüler assistiert Lehrer in der Hessenliga

Gruppenbild in Dietkirchen. Von links: Philip Pietrowski, Boris Reisert und Dominik Roß.
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Gruppenbild in Dietkirchen. Von links: Philip Pietrowski, Boris Reisert und Dominik Roß.

Fußball-Schiedsrichter Philip Pietrowski vom FC Langen hofft noch auf viele gemeinsame Einsätze mit dem erfahrenen Boris Reisert. Aktuell assistiert er in der Hessenliga.

Offenbach – Gemeinsam mit dem ehemaligen Leistungskurslehrer dem Hobby nachgehen? Das klingt für viele Schüler und Studenten sicher befremdlich. Nicht aber für Philip Pietrowski, Schiedsrichter des FC Langen und vor eineinhalb Jahren Abiturient an der Dreieichschule in Langen.

Pietrowski, der in Darmstadt Chemische Technologie studiert, war im Winter 2019/20 als Unparteiischer in die Fußball-Verbandsliga aufgestiegen und darf in der Hessenliga assistieren. Kurz vor dem zweiten Lockdown, an seinem 20. Geburtstag am 17. Oktober, stand er in der Partie Dietkirchen gegen Eddersheim (4:2) erstmals an der Linie, im Team seines ehemaligen Lehrers Boris Reisert (TG Ober-Roden).

Im neuen Jahr sollen noch viele gemeinsame Einsätze mit dem zweiten Assistenten Dominik Roß (TSV Lengfeld) folgen. „Ich will zwar selbst Spiele in den Verbandsligen leiten, aber wenn die Ansetzungen uns das möglich machen, bin ich sehr, sehr gern in dieser Konstellation in der Hessenliga dabei. Das passt, das macht einfach großen Spaß“, sagt Pietrowski und bezeichnet Reisert „als super Typen, der mit bestem Willen vorangeht. Er kann als Schiedsrichter locker und entspannt sein, aber jederzeit auch mit der nötigen Konsequenz zu Werke gehen. Wie damals als Lehrer in unserer Schule.“

Er sei mit Reisert in nicht ganz so einfachen Klassen ordentlich ausgekommen, habe auch gute Noten erhalten. Als Leistungskurslehrer für Geschichte hatte Reisert seinen heutigen Assistenten durchs Abitur begleitet. Damals siezten sie sich noch. Das hat sich natürlich auf dem Sportplatz geändert.

Der Blick zurück: Gymnasiallehrer Reisert hatte in einer Projektwoche eine Schiedsrichterausbildung für Schüler organisiert. Pietrowski, damals 13 Jahre alt und in der achten Klasse, war mit Spaß dabei. Er legte nach der Projektwoche bei der Schiedsrichtervereinigung Offenbach seine Abschlussprüfung ab.

Pietrowski, begeisterter Triathlet („Das hält mich fit für die Pfeiferei“), Skifahrer („Mein Höhentraining“) und Klavierspieler („Da komme ich nach stressigen Einsätzen wieder runter“) leitete mit 14 Jahren seine ersten Spiele. Beim Mainpokal 2018 in Froschhausen waren Reisert und er erstmals gemeinsam für Spielleitungen eingeteilt. Einmal, in der Gruppenliga Frankfurt West in der Partie Sportfreunde Frankfurt gegen SV der Bosnier (1:2), war Pietrowski zuvor kurzfristig als Assistent eingesprungen. „Da kam der Gedanke schon auf, dass es durchaus ein Ziel wäre, dass ich als Schüler bei meinem Lehrer in Hessens höchster Spielklasse mitwirken könnte“, berichtet Pietrowski.

Im Winter 2018/19, also bereits nach dem Abitur, schaffte er als Schiedsrichter den Sprung in die Gruppenliga, ein Jahr später schon war er in der Verbandsliga. Bisher leitete Pietrowski vier Verbandsliga-Partien: in dieser Saison Niedernhausen gegen Eltville (6:4), Biebrich gegen Cleeberg (8:1) und Marburg gegen Steinbach II (1:2) aus der Gruppe Mitte sowie in der vergangenen Runde im Süden Unterflockenbach gegen SC 1960 Hanau (6:0). „Mir macht es Spaß, es lief gut vor dem zweiten Lockdown. Ich hoffe, dass ich daran im neuen Jahr anknüpfen kann, wenn es dann weitergeht. Über kurz oder lang könnte ich mir die Hessenliga als Schiedsrichter und die Regionalliga als Assistent vorstellen“, sagt Pietrowski.

Der 34-jährige Reisert, in der Rödermarker Fastnacht als Büttenredner eine große Nummer, ist ihm da logischerweise um einiges voraus. Er hat bereits elf Spiele in der Regionalliga (2012/2013), 82 in der Hessenliga und auch 42 in den A-Jugend-Bundesligen geleitet.

„In meinem Alter ist der Zug nach oben abgefahren, aber ich freue mich noch auf viele Einsätze in der Hessenliga, sehr gern mit Philip im Team“, erzählt Reisert und sagt über Pietrowski: „Er macht sich sehr gut. Er war schon mit 19 Jahren in der Verbandsliga, ich erst mit 21. Er hat eine enorme körperliche Präsenz, spricht die Sprache der Spieler, ist als Assistent aufmerksam und zuverlässig, gibt klare Zeichen. So erwarte ich das als Schiedsrichter.“ Reisert freut sich noch immer sehr, dass es aus seinem damaligen Lehrgang ein Schüler unter die Top-Schiedsrichter und -Assistenten in Hessen geschafft hat.

Zuletzt konnte er als Lehrer keine Schiedsrichterkurse an der Schule mehr anbieten, unabhängig von Corona. Die Projektwochen werden umstrukturiert. Reisert schließt aber nicht aus, dass er nach der Pandemie Schülern die Aufgabe als Schiedsrichter wieder schmackhaft machen kann. Wie einst bei Philip Pietrowski.

Von Holger Appel

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