„Handball? Das Spiel mit den Körben?“

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Cora Werwitzke (links), Landesliga-Handballerin der HSG Langen, mit einer brasilianischen Bekannten bei einem Fußballspiel im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro.

Langen ‐ Die TV-Übertragungen der Handball-Europameisterschaft bestimmen mal wieder meinen Tagesrhythmus - Termine werden verschoben, Verabredungen abgesagt und der Handball-Vereinstrainer wüst an die Tragweite des Verpassens einer Übertragung erinnert, wenn das eigene Training mal wieder mit den Spielen der deutschen Nationalmannschaft kollidiert. Von Cora Werwitzke

Handball hat sich in Deutschland nach Fußball zur zweitbeliebtesten Sportart gemausert. Spätestens der Weltmeistertitel 2007 brachte den Durchbruch - bis heute profitieren die Vereine in der Region von einem bemerkenswerten Nachwuchs-Schub.

Doch die Begeisterung für den Hallensport teilt nicht der ganze Erdball. Ein Katzensprung nach Großbritannien reicht, um verständnislose Blicke zu kassieren, sobald man von seinem Hobby erzählt. Meine persönlichen Erfahrungen rühren von mehrmonatigen Aufenthalten in Brasilien. „Handball? Das mit den Körben?“, fragt mich mal wieder eine brasilianische Bekannte. Ich seufze innerlich: „Nein, Handball wie Fußball, nur mit der Hand.“ So verstehen es die meisten Brasilianer.

Vereine wie in Deutschland gibt es in Brasilien nicht

Das Vorhaben, während meines Studienaufenthalts mit Handballtraining fit zu bleiben, gebe ich schnell auf. Vereine wie hier gibt es in Brasilien nicht: entweder man hat Glück und es gibt ein Uni-Team oder der Eintritt in einen „Sport-Klub“ mit edlen Sportstätten und entsprechend horrenden Gebühren ist fällig. Das Spiel um die brasilianische Meisterschaft lasse ich mir trotzdem nicht entgehen. Vor verhältnismäßig bescheidener Kulisse holt ein Klub aus São Paulo den Titel. Hier erfahre ich, dass Handball in Brasilien deutsche Wurzeln hat: Auswanderer, die sich nach dem ersten Weltkrieg im Süden des Landes niederließen, brachten Feldhandball mit.

Sonne tanken statt Handball spielen

Was macht man also, wenn Handball als Option zum Fitbleiben ausfällt? Man entspannt sich erstmal in der Sonne von Rio de Janeiro. Es ist Sonntagnachmittag, die Cariocas, die Einwohner Rios, liegen dicht gedrängt wie Sardinen an der Copacabana. Über das Stimmen-Wirr-Warr höre ich vertraute Pfiffe, das Geräusch von Bällen, die geworfen und gefangen werden. Nach einem Hindernisparkour quer durch Rios Strandleben treibt mir der Anblick ein breites Grinsen ins Gesicht: „Beachhandball!“ Frauenteams in äußerst knappen Outfits spielen in der prallen Sonne. Männermannschaften liefern Pirouetten und Kempa-Tricks am laufenden Band. Eigentlich liegt es auf der Hand: Strände hat Brasilien in Hülle und Fülle. Innerhalb weniger Jahren hat sich das Land zu einer der führenden Beachhandball-Nation entwickelt - mit bislang drei Weltmeistertiteln.

Zurück in Deutschland holt mich meine belastungsfreie Zeit in Südamerika brutal ein: Kraft und Ausdauer gingen unter dem Zuckerhut verloren. Auch der Temperatur-Sturz schlägt auf's Gemüt. Gute Argumente für die Rückkehr gibt es dennoch: Mit Freunden und Familie bei EM-Spielen der deutschen Nationalmannschaft mitzufiebern, macht doch entschieden mehr Spaß, als in der Ferne den Brasilianern zu erklären, dass Handball nichts mir Körben zu tun hat.

Quelle: op-online.de

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