Hauch von "Super Bowl" weht noch heute

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Dieburg ‐ Sie waren echte Pioniere – und verdeutlichten das auch bei der Namensgebung. Doch gerade jüngeren Dieburgern dürfte kaum mehr präsent sein, dass das Gersprenz-Städtchen einst ein wichtiger Fleck auf der deutschen Landkarte des American Football war: Besonders Ende der 80er Jahre sorgten die „Dieburg Pioneers“ für sportliche Furore und brachten gar einen Nationalspieler hervor. Von Jens Dörr

Football ist Rasenschach, sehr von Taktik geprägt“, erzählt Bernd Kalmbach, der sich noch bestens an die gesamte Vereinshistorie der Pioneers erinnert und diese von Beginn akribisch dokumentierte. Einen dicken Ordner mit Bildern und einen dünnen mit Presseberichten hat Kalmbach bis heute aufgehoben, obwohl der Verein 1991 vom Spielbetrieb abgemeldet und 1993 offiziell aufgelöst wurde. Zehn Jahre zuvor, am 9. Dezember 1983, berichtete der Dieburger Anzeiger über die erste Vorstandswahl der Footballer. Über Flyer, Zeitungsberichte und Mundpropaganda begeisterte man nach und nach rund 30 Männer für den in Deutschland damals noch exotischen US-Sport mit dem Leder-Ei.

Nach der Gründung wurde erstmal Theorie gebüffelt

Der erste Vorstand der Pioneers – zum Zeitpunkt der Gründung war noch keine Mannschaft zusammen - setzte sich damals aus Markus Resch (Erster Vorsitzender), Ulli Schnitzer (Zweiter Vorsitzender), Helmut Pfeil (Schatzmeister), Ralf Enders (Schriftführer) und Hubert Ackermann (Sportwart) zusammen. Bernd Kalmbach, heute 48 Jahre alt, damals erst 22, komplettierte das Führungsteam als Pressewart. Als Beisitzer fungierten Thomas Hartmann, Gerhard Wörtsche und Thomas Kraus. Alle der Vorstandsmitglieder gehörten damals zum Kader der aktiven Spieler, die sich nach der Gründung aber nicht sofort auf das Spielfeld begaben.

Zuerst haben wir mal Theoriestunden abgehalten, um dort über Regeln und taktisches Verhalten zu sprechen“, erzählt Kalmbach, der zunächst Fußball beim SC Hassia und Tischtennis beim SV Blau-Gelb gespielt hatte, danach andernorts Tennis, ehe er zum American Football kam. „Als Betreuer blieb ich damals auch noch bei der Hassia, wir hatten in den 80er Jahren eine besonders starke A- und B-Jugend mit Spielern wie Ralph Pieper, Frank Tusella, Wienand Krawinkel und vielen mehr“, betont Kalmbach. Dennoch sollte der nicht ganz runde Ball beim Football dem kugelrunden beim Fußball zukünftig den Rang ablaufen.

Etwas ganz Besonderes sei es gewesen, als sich die Dieburg Pioneers gründeten, sagt Kalmbach. Nicht nur die Exotik des Sports in der Bundesrepublik war speziell, „auch waren wir das einzige Team aus einer relativ kleinen Stadt, die American Football spielte“, erinnert sich der 48-Jährige. Fast alle Mannschaften kamen aus Großstädten, der kleinste Konkurrent sei Bad Homburg gewesen. „Und unseren Namen Pioneers hatten wir Anfang der 80er ebenfalls exklusiv“, weiß Kalmbach, den Freunde auch beim Spitznamen „Biff“ nennen. Die bis dato schon gegründeten Vereine hatten sich an den Teams aus den USA orientiert, hießen oft Falcons oder Eagles, also Falken oder Adler.

Football kam durch die Stationierung der Amerikaner in die Gegend

Dass der Sport überhaupt Einzug nach Dieburg fand, hing mit der Stationierung der Amerikaner in der Gegend zusammen: „Da haben wir mal zugeguckt, wie die gespielt haben, und sind dabei auf den Geschmack gekommen“, erklärt Kalmbach. Von Beginn an habe man auch bei den Pioneers neben vielen Dieburgern Soldaten aus Münster und Babenhausen im Team gehabt. Das zahlte zu Beginn dennoch Lehrgeld, verlor die ersten Spiele hoch. Nach und nach aber stabilisierte sich die Mannschaft in der laut Kalmbach sehr komplexen Sportart, die weit mehr erfordert als schnelles Laufen, genaues Passspiel und ein breites Kreuz. Gerade wenn man wie Kalmbach mit seinen 1,64 Metern körperlich nicht der Größte ist, sind auch der Kopf und strategisches Denken gefordert. Kalmbach praktizierte das auf seinen Positionen als „Half Bank“ in der Offensive (Kalmbach: „Ähnlich einem Stürmer im Fußball, nur muss beim American Football der Ball in die Endzone getragen werden“) und als „Safety“ in der Defensive. Mit seinen Leistungen trug er auch dazu bei, dass der Verein 1985 den größten Erfolg seiner Geschichte feierte: den Aufstieg in die Zweite Bundesliga.

Später scheiterte man nur um einen Platz am Aufstieg in die Erste Liga, zeitweise kamen bis zu 800 Zuschauer zu den Heimspielen auf dem Leer-Sportplatz. Zu dieser Zeit schaffte Thilo Falk, heute hinter den Kulissen mitwirkend am Vorankommen des SC Hassia, gar den Sprung in die Nationalmannschaft. „Sauschnell“ sei Falk damals gewesen, sagt Kalmbach. Nach dem verpassten Aufstieg aber bröckelte das Team so langsam, ältere Spieler hörten auf, neue Sponsoren fehlten (problematisch, denn eine Football-Rüstung kostete schon Anfang der 80er Jahre 1 200 Mark), die jüngeren Spieler konnten nicht in die Bresche springen. Ende des Lieds war die Auflösung im Jahr 1993. Die Erinnerungen an die Zeit, als ein Hauch von „Super Bowl“ durch Dieburg wehte, sind bei manchem Beteiligten aber noch bis heute sehr lebendig.

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