Immer weniger „Bekloppte“

Schwierige Zeiten im einst fußballbegeisterten Ostkreis

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Der Kunstrasen in Seligenstadt ist „nicht mehr der frischeste“, wie Mirko Leuschner, Abteilungsleiter Fußball der Spvgg. Seligenstadt, meint.

Seligenstadt – Der Offenbacher Ostkreis hat im traditionellen Turnier um den Fußball-Mainpokal im Sommer einen Höhepunkt vor meist großen Zuschauerzahlen zu bieten. Ansonsten herrscht mittlerweile aber eine gewisse Tristesse. Von Holger Appel

„Da schmerzt das Herz beim Blick auf die Tabellen. Zum Glück haben wir den Mainpokal – und das ist eines der Top-Turniere in ganz Hessen“, sagt Kreisfußballwart Jörg Wagner und freut sich auf die 46. Auflage vom 6. bis 20 Juli in Mainflingen. „Aber wenn der Rest nicht mehr passt, könnte es bald kritisch werden für das Turnier“, sagt der 50-jährige Froschhausener, zurzeit auch Trainer der TuS. Sven Kittler, Abteilungsleiter Fußball der Sportfreunde Seligenstadt, versichert bei der Ursachenforschung, dass „wir leider immer weniger Fußballer haben, die zu 100 Prozent dabei sind. Ja, die Fußball-Bekloppten werden immer weniger.“ Auch Mirko Leuschner, Abteilungsleiter Fußball der Sportvereinigung Seligenstadt, bestätigt, „dass die Glanzzeiten im Ostkreis vorbei sind“.

Das hat sicher mehrere Gründe – unabhängig von der ganz eigenen Geschichte eines jeden Klubs. Ein Beispiel: Zwischen Klein-Auheim und Mainhausen sind im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen nur zwei witterungsresistente Kunstrasenplätze entstanden: einer vor rund zehn Jahren in Seligenstadt, einer vor vier Jahren in Klein-Krotzenburg. Für die Seligenstädter und Hainburger Klubs inklusive der Alten Herren und der beiden Jugendfördervereine (Sportfreunde Seligenstadt mit Sportvereinigung Hainstadt und Germania Klein-Krotzenburg sowie Sportvereinigung Seligenstadt mit SV Zellhausen und TuS Klein-Welzheim). Für Jörg Wagner ein dickes Minus trotz meist ordentlicher Sportanlagen.

„Unser Kunstrasenplatz ist zwar dank Platzwart und rüstiger Rentner top gepflegt, aber er wird nicht mehr ewig halten“, prophezeit Kittler. Laut Wagner sind die beiden Naturrasenplätze in Froschhausen im Winter nahezu unbespielbar. Die TSG Mainflingen und TuS Klein-Welzheim kommen mit ihren Rasenplätzen hingegen gut klar. Das bestätigen Roberto Weiher (Abteilungsleiter TSG) und Frank von der Wege (Vorsitzender TuS).

Der FC Alemannia Klein-Auheim trainiert im Winter auf dem Hartplatz des Nachbarn TSV. Die Aktiven mieten sich auch gern einen Kunstrasenplatz an der Ronneburg, die Zellhausener die Soccerhalle in Hainburg. „Wir haben definitiv einen Nachteil gegenüber den Vereinen im Westkreis oder in Rodgau. Der Jugendförderverein soll wachsen, da wäre ein weiterer Kunstrasen optimal“, meint SVZ-Vorstandsmitglied Markus Schroth. Er deutet Ideen an, „um mit viel Eigeninitiative aus unserem nur zur Not genutzten Hartplatz etwas zu machen“. Da darf man gespannt sein.

Hainstadts Trainer Stefan Ernst freut sich natürlich sehr, dass sein Klub den Kunstrasen in Klein-Krotzenburg nutzen darf, berichtet aber von „fehlender Flexibilität. Wir hätten gern einen eigenen Kunstrasen, sind davon aber meilenweit entfernt.“ Der Hartplatz in Hainstadt sei in „katastrophalem Zustand“, berichtet er. „Letztlich haben wir mit zwei Kunstrasenplätzen viel zu geringe Kapazitäten. Im Winter kannst du die Lust verlieren“, sagt Wagner. Und von dort bis zum Höhepunkt im Sommer mit dem Mainpokal vergehen einige Wochen und Monate.

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Der nächste Punkt: die schwierige Nachwuchsarbeit. „Der Westkreis in unmittelbarer Nähe zu Frankfurt wächst von der Bevölkerung schneller als der Ostkreis. Die Freizeitangebote werden immer größer, die schulischen Verpflichtungen für Kinder und Jugendliche dauern immer länger. Wir haben hier deshalb immer weniger Jugendfußballer, die nachrücken“, berichtet Roger Weih, Vorsitzender der SG Germania Klein-Krotzenburg: Um die Kräfte zu bündeln, sind die Jugendfördervereine entstanden. „Wir versuchen somit, das Niveau zu heben, damit die Jungs bleiben. Klein-Krotzenburg alleine ist zu klein, hat keine Strahlkraft“, sagt Weih.

Im FC Alemannia Klein-Auheim, der TSG Mainflingen und TuS Froschhausen versuchen sich drei Vereine außerhalb der Fördervereine. Die TSG, 2015 mit der Sepp-Herberger-Medaille des DFB prämiert, kassiert von Wagner ein dickes Lob. „Da sind um Roberto Weiher die richtigen Leute am Werk. Die machen einen klasse Job.“ Weiher verweist auf sein „tolles Trainerteam“ und berichtet: „Wir wollen in der Jugend gern eigenständig bleiben, auch wenn das nicht in Stein gehauen ist. Die Identität mit dem Verein ist aber viel größer als im Förderverein. Im Kader unserer ersten Mannschaft stehen 14 eigene Jungs – das ist top.“ Auch in Hainstadt hat der Großteil der ersten Mannschaft schon „immer hier gekickt“. Trainer Ernst spricht mit Blick auf die Sitzungen am Donnerstag mit Würfeln und Kartenspielen von „Fußball-Romantik“. Klein-Welzheim hat neun Spieler aus der eigenen Jugend im Kader. „Das ist unser Weg – auch wenn wir absteigen. Auf Kreisebene ist es nicht mehr so interessant, in welcher Liga man spielt. Da interessiert es eher, dass man die Spieler kennt und sie aus dem Ort sind“, sagt Vorsitzender von der Wege. Das spiegelt sich dann in den Tabellen wider. Wer ohne Unterbau ist (oder ihn vernachlässigt), wird über kurz oder lang von der Bildfläche verschwinden. Bestes Beispiel aus dem Ostkreis ist der FC Kurier. Wagner weiß das genau, er hat einst für die Seligenstädter gespielt.

Was bleibt ist die Hoffnung, dass die Klubs in diesen schwierigen Zeiten noch mehr zusammenarbeiten, die Kommunen vielleicht doch über weitere Kunstrasenplätze nachdenken und das Turnier um den Mainpokal lange bestehen bleibt, „vor allem als gesellschaftliches Ereignis“, wie Roger Weih betont.

Quelle: op-online.de

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