Stefan Hassler ist NLZ-Leiter beim OFC

Nach China-Tour ins Gefängnis

Offenbach - Seit fast einem Jahr arbeitet Stefan Hassler im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Offenbacher Kickers. Geholt wurde er als U19-Trainer, inzwischen leitete er das NLZ. Von Christian Düncher

Im Interview zieht er Bilanz, redet über die anstehende China-Tour der U19 und seinen Nebenjob in einer Justizvollzugsanstalt.

Stefan Hassler, in den vergangenen Monaten haben Sie im NLZ des OFC einiges erlebt. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Durchweg positiv. Ich wurde am 15. Januar als U19-Trainer von Alfred Kaminski geholt. Damals war nicht absehbar, dass er den OFC verlassen würde. Seit 1. Juli bin ich sein Nachfolger als NLZ-Leiter und arbeite mit einem tollen Team zusammen. Wir haben junge und dynamische Trainer, die sich mit dem OFC identifizieren und mehr machen als sie müssten.

Was ist für den Trainer Stefan Hassler mit der U19 möglich? Das Team überwintert immerhin als Spitzenreiter der Hessenliga.

Die ersten vier haben alle ein ähnliches Niveau. Wir wollen möglichst lange oben dabei bleiben, nachdem wir uns vergangene Saison schon sieben Spieltage vor Schluss aus dem Titelrennen verabschiedet hatten. Zudem wollen wir so arbeiten, dass unser Herren-Bereich etwas davon hat. Die Jungs machen es bislang gut, es gibt aber noch Luft nach oben. Wir haben zum Beispiel nur zwei Punkte aus den Spielen gegen die direkten Konkurrenten geholt.

Wie wichtig wäre der Aufstieg in die U19-Bundesliga?

Das wäre etwas Besonderes. Mittel- bis langfristig will der Verein mit allen Nachwuchsteams in der höchsten Klasse vertreten sein. Denn je höher man spielt, desto besser ist auch die Ausbildung. Stand heute würden wir aber in den Aufstiegsspielen auf Kaiserslautern treffen. Gegen die haben wir vor der Saison ein Testspiel 1:3 verloren.

Sie nehmen mit Ihrem Team Anfang Januar an einem hochkarätig besetzten U19-Turnier in China teil. Wie kam es dazu?

Das war Zufall. Der ehemalige OFC-Spieler Bubu Knecht organisiert das Turnier. Ihm sind zwei U19-Bundesligisten abgesprungen. Da hat er einfach mal bei seinem Ex-Verein angefragt. Und da der chinesische Verband alle Kosten übernimmt, mussten wir nicht lange überlegen. Wir haben Schulbefreiungen beantragt und müssen nur auf drei Spieler verzichten, die in der Ausbildung sind.

Die Winterpause wird dadurch allerdings verkürzt. Inwiefern gab es deshalb Bedenken?

Wäre das Turnier in Luxemburg oder am Gardasee gewesen, hätten wir uns wohl anders entschieden. Aber China: Das nimmt man natürlich mit, zumal wir da gegen das chinesische U19-Nationalteam, den Meister, den Pokalsieger und den Nachwuchs aus Mallorca und Sevilla spielen. Wir werden die Belastung steuern, haben 22 Spieler dabei. Da wird keiner zu stark beansprucht.

Einige Spieler aus der U19 kamen diese Saison auch in der U21 zum Einsatz. Wie wichtig sind zweite Mannschaften Ihrer Meinung nach als Bindeglied zur Profi-Mannschaft?

Beim VfB Gießen hatten wir eine Reserve in der B-Liga und eine U19 in der Hessenliga. Da macht eine zweite Mannschaft wenig Sinn. Aber sie ist vom Verband vorgeschrieben. Beim OFC spricht dafür, dass alle anderen großen Vereine im Rhein-Main-Gebiet ihre Reserve abgemeldet haben. Das kann dazu führen, dass der OFC zum Sammelbecken für Talente wird, die es bei ihrem Klub nicht zu den Profis geschafft haben. Auch bei uns kommen jedes Jahr zehn Spieler aus der U19 raus, die zum Teil schon jahrelang im Verein sind. Wo sollen die hin? Wir wollen ja nicht für andere ausbilden.

Die Gegner sagen, dass die Kosten für die U21 im Vergleich zum Ertrag zu hoch seien und meinen, dass das Geld im Profi-Bereich besser angelegt sei.

Dass die U21 zu teuer ist, stimmt nicht. Wir reden von einer Summe, die so gering ist, dass von ihr nicht der Aufstieg der ersten Mannschaft abhängt. Und: Welche erste Mannschaft aus dem Rhein-Main-Gebiet ist denn besser geworden, seitdem sie ihre Reserve abgemeldet hat? Die Eintracht, der FSV und Wehen jedenfalls nicht.

Wie würden Sie in dem Zusammenhang Ihr Verhältnis zum Trainer der ersten Mannschaft, Rico Schmitt, beschreiben?

Wir sind im permanenten Austausch. Das gilt auch für U21-Trainer Zaki Tammaoui. Der eine oder andere, den ich empfohlen habe, wurde bereits oben aufgenommen. Bei Rico Schmitt ist nicht die geringste Überheblichkeit oder Arroganz zu spüren. Es macht Spaß, mit Zaki und ihm zusammenzuarbeiten.

Die Anzahl der Spieler, die es aus dem eigenen Nachwuchs zu den Profis geschafft haben, war zuletzt überschaubar. Wem trauen Sie es aktuell zu?

Wir haben einige Spieler, die sehr viel Talent mitbringen. Aber da muss man die Entwicklung abwarten. Es sind auch welche dabei, bei denen ich denke: Wenn die es nicht schaffen, wer dann? Aber es wäre ungerecht, hier einzelne hervorzuheben.

Der OFC ist bundesweit einer von nur sechs Regionalligisten, die ein lizensiertes NLZ unterhalten. Inwiefern ist das für einen Viertligisten Luxus?

Wir könnten auch Geld sparen und es Jugendförderzentrum nennen. Dann wäre die Art der Ausbildung aber willkürlich. Der DFB schreibt vor, wie in einem NLZ ausgebildet wird. Da gibt es Lizenzen und Zertifizierungen. Das sind positive Zwänge. Und für den Fall, dass ein Spieler zu einem anderen NLZ wechselt, gibt es Schutzbestimmungen, die die Höhe der Ablöse vorschreiben. Das schützt vor allem die kleineren NLZ. Wir haben bessere Möglichkeiten, Spieler zu holen beziehungsweise zu halten. So haben wir im vergangenen Sommer einen Transferüberschuss in Höhe von 26 000 Euro erwirtschaftet.

Sie trainieren zudem zweimal pro Woche morgens in der JVA Butzbach Gefangene. Wie kam es dazu?

Der damalige Psychologe der JVA kam 2006 auf die Idee und sprach mich an. Die Sache hat sich etabliert, weil sie Früchte trägt.

Inwiefern?

Anfangs dachte ich, dass ich etwas verändern könnte. Aber mein Einfluss ist limitiert. Die Häftlinge haben ohnehin andere Sorgen. Ich versuche, ihnen den Alltag zu erleichtern. Fußball eignet sich dafür, da es Parallelen zum normalen Leben gibt. Zum Beispiel, wie man mit Erfolg oder Misserfolg umgeht.

Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?

Negative Erfahrungen gab es kaum. Ich sah mich nie in Gefahr. Die schönste Erinnerung ist die an ein Turnier, zu dem auch ein Team der Bereitschaftspolizei aus Lich kam. Als Geschenk gab es von den Häftlingen einen weißen Ball mit deren Fingerabdrücken, damit die Polizei sie beim nächsten Mal schneller findet. Das war natürlich nur Spaß, zeigt aber, was Sport alles bewirken kann.

OFC gewinnt Derby gegen TS Ober-Roden

Quelle: op-online.de

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